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Kindeswohlgefährdung in Deutschland: Hinsehen und handeln

29. November 2021 - 5 Min. Lesezeit

Für Kinder ist die aktuelle Corona-Situation besonders belastend – vor allem, wenn das eigene Zuhause kein sicheres Umfeld bietet. Bei fast 60.600 Kindern und Jugendlichen wurde im Jahr 2020 eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Es besteht dringender Handlungsbedarf.

Bei Janine hinterlässt der Lockdown Spuren. Stabilität, Fürsorge und Vertrauen: Das, was Kinder in dieser Situation besonders brauchen, erfährt Janine in ihrem Elternhaus nicht, denn zu Hause ist die Siebenjährige meist auf sich allein gestellt. Janines Leben war schon vor dem Ausbruch der Pandemie nicht leicht. Trotz ihrer erst sieben Jahre ist sie es gewohnt, allein aufzustehen, sich anzuziehen und Frühstück zuzubereiten, denn meistens schafft es ihre arbeitslose und alleinerziehende Mutter nicht rechtzeitig aus dem Bett. Ihr gelingt es nicht, Janine und ihrem älteren Bruder die Liebe und Fürsorge zu geben, die Kinder in diesem Alter brauchen. Janine ins Bett zu bringen, sie in den Arm zu nehmen und ihr eine Geschichte vorzulesen – Dinge, die in den meisten Familien Normalität sind –, dazu ist Janines Mutter nicht in der Lage. In ihrer Kindheit hat sie selbst nie Zuwendung erfahren und kann sie daher ihren eigenen Kindern nicht geben. Sie hält Janine und ihren Bruder fortwährend auf Distanz. Da sie keine Ausbildung hat und keinem Beruf nachgeht, fehlt es der Mutter an Struktur im Alltag. Die Auswirkungen spüren die Kinder: Bei Hausaufgaben ist die Mutter schlicht nicht in der Lage, ihnen zu helfen. Feste Zeiten zum Aufstehen und Zubettgehen gibt es nicht.

Wenn die Mutter anderweitig beschäftigt ist, essen Janine und ihr Bruder allein.

Wenn die Mutter anderweitig beschäftigt ist, essen Janine und ihr Bruder allein.

Als Janine eingeschult wurde, fiel den Lehrern schnell auf, dass sie nicht die Fürsorge und Unterstützung bekommt, die sie benötigt. Janine kam im Winter oft mit für die Jahreszeit unpassender Kleidung in die Schule, sie wirkte ungepflegt und hatte mit einer Leseschwäche zu kämpfen. Janine ist leider kein Einzelfall: Jugendämter meldeten 2020 einen Höchststand an Kindeswohlgefährdungen.1 Eine Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls eines Kindes droht oder bereits eingetreten ist.

Wenn das eigene Zuhause zur Gefahr wird

* Hiervon ausgenommen sind 7.563 Aufnahmen minderjähriger Flüchtlinge nach unbegleiteter Einreise.
Quellen: Statistisches Bundesamt Deutschland: Pressemitteilung Nr. 295 vom 24. Juni 2021 und Nr. 350 vom 21. Juli 2020

Förderung in sozialen Gruppen

Um Janine gezielt zu fördern, schickten die Lehrer sie in die soziale Gruppe des SOS-Kinderdorfs. Die soziale Gruppe ist ein Angebot, das in enger Zusammenarbeit mit den Schulen stattfindet. In Kleingruppen werden Kinder, die durch Benachteiligung einen erhöhten Förderbedarf haben, außerhalb der Schule gezielt unterstützt. Die Pädagogen erhalten Einblick in die Familien, um nach Bedarf weitere Unterstützung zu organisieren und den Kindern in der Gruppe andere Impulse, Gespräche und Lebenshilfen zu geben. Angebote wie dieses oder weitere Hilfen des SOS-Kinderdorfs sind zum Teil staatlich finanziert, zum Teil aber auch nur durch Spenden möglich.

Doch bevor die Pädagogen Janine wirklich helfen konnten, brachte die Coronapandemie das Leben der Siebenjährigen noch mehr durcheinander. Zwar durfte das Mädchen aufgrund der familiären Schwierigkeiten nach einer Weile in die Notbetreuung der Schule gehen, trotzdem wurden die Sorgen der Siebenjährigen von Monat zu Monat immer größer.

Angst, Trauer und Einsamkeit – Corona hat uns alle hart getroffen, besonders gravierend sind aber die Folgen für Kinder und Jugendliche. Sie leiden weiterhin stark: Fast jedes dritte Kind zeigt heute noch psychische Auffälligkeiten1. Vier von fünf Kindern und Jugendlichen gaben an, sich durch die Coronapandemie belastet zu fühlen. Ihre Lebensqualität hat sich im Verlauf der Pandemie sogar weiter verschlechtert.2

Wer sich Hilfe holt, muss sich nicht schämen

Als die Pädagogin der sozialen Gruppe schließlich das große Leid von Janine bemerkte, begleitete sie sie nach Hause und sprach mit ihr und ihrer Mutter. Holger Nickel, systemischer Familientherapeut vom SOS-Kinderdorf Lippe, weiß, wie schwer es Eltern oft fällt, sich Hilfe zu holen: „Für manche ist es ein Eingeständnis von Schwäche, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Wir finden: Wer sich Hilfe holt, ist schlau. Wir versuchen, auch diese Schwere herauszunehmen.“

Zusammen mit der Mutter organisierte die Betreuerin einen Therapieplatz für die Siebenjährige. Auch konnte die SOS-Pädagogin die Mutter überzeugen, das Angebot der ambulanten Familienhilfe zu nutzen. Diese unterstützt die Mutter im Alltag, bei der Haushaltsorganisation und bei Erziehungsfragen und bringt so Schritt für Schritt eine neue Struktur in den Familienalltag.

Die Jahre der Vernachlässigung, fehlenden Zuwendung und der Pandemie haben schon jetzt Folgen für das Mädchen. Nur mit langfristiger Unterstützung und gezielter Förderung besteht die Chance auf eine bessere Zukunft für Janine – und für andere Kinder, die es nicht leicht haben im Leben. Es hilft schon ein kleiner Betrag, um benachteiligte Kinder zu unterstützen, ihre Entwicklung zu fördern und ihnen einfach eine Freude zu machen.

So könnte Ihre Spende helfen

5 Euro

Finanzierung von thematischen Kinderbüchern für eine Therapiebegleitung

50 Euro

Finanzierung von Übungsheften, Büchern und Schreibutensilien für ein Kind in der sozialen Gruppe

2.400 Euro

Finanzierung eines Eltern-Workshops zu Themen wie gesunde Ernährung, Umgang mit der Trotzphase und Sprachförderung

31.800 Euro

Finanzierung von Hilfen für eine junge Mutter für ein ganzes Jahr

* Name und Abbildung(en) und biografische Details wurden zum Schutz der Person geändert.

Quellen:
  1. Destatis;
  2. Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: COPSY-Studie: Kinder und Jugendliche leiden psychisch weiterhin stark unter Corona-Pandemie; 10.02.2021