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Trachten
Handwerk

Voglwuid und fein gestickt

Hausbesuch in der Sauerlacher Werkstatt von Federkielsticker Matthias Wiesheu – bis heute gilt das selten gewordene Handwerk als Zeichen authentischer Tracht.

Foto: Franziska Horn

Er ist nicht der letzte, aber einer von wenigen seiner Zunft: Matthias Wiesheu ist professioneller Federkielsticker aus Sauerlach im Süden von München. „Fünf bis sieben Sticker gibt es wohl noch in Bayern“, schätzt er, „und dazu ein paar Hobbymäßige“. Dabei gilt das künstlerische Handwerk als alpenländischer Kulturschatz und schaut auf eine lange Tradition – welche auch schon die Inuit beherrschten. „Um 1750 gab es zinngenagelte Gürtel, das waren sozusagen die Vorgänger, ab 1800 kam das Federkielsticken auf und erste gestickte Gürtel existierten ab 1850“. Man muss wissen: So ein bestickter Gürtel ist die wohl schönste Zier und zudem ein symbolträchtiger und wertvoller Bestandteil der Männertracht.

Wiesheu, Jahrgang 1988, steht in seiner Werkstatt im ersten Stock eines alten Hofes im Ortskern von Sauerlach und legt einen üppigen Strauß Pfauenfedern mit smaragdgrün schillernden Augen auf die Werkbank. „Verwendet wird nur der Federkiel, diesen muss man so fein und gleichmäßig wie möglich schneiden – spleißen also. Aber wie das genau geht, ist top secret“, grinst er. Das Metier hat seine Geheimnisse. Kein Sticker verrät gerne, wie das Spleißen geht. Schließlich hat man sich das Können in jahrelangem ,try and error' antrainiert.

Foto: Franziska Horn

Zwischen einem halben und einem Euro kostet so eine Feder, die er von Schmuckfederhändlern oder Bauern bezieht. „Am Ende haben die Fäden eine Stärke von 0,7 bis einen Millimeter bei rund 60 Zentimetern Länge“. Dann breitet Wiesheu einen Schwung „Blattl“ auf dem Tisch aus, Schablonen aus Metall fürs Leder, sie geben die Form der „Ranzen“ vor, so nennt man den Trachtengurt auf Bayrisch. Verwendet wird meist Rinds-, oder Kalbsleder, „das hat Standigkeit“, erklärt Wiesheu. Auf das Leder trägt er die Motive dann exakt per Hand in feiner Linie vor.

„Kein Motiv gleicht dem anderen, denn es gibt immer eine Verbindung zum Träger, auch wenn sich manche Elemente wiederholen.“ Mit einer dünnen, scharfen Ahle durchsticht er das Leder, um den Federkiel hindurch zuziehen. Ist ein solcher ,Faden' verbraucht, werden die Enden hinten verstickt. Echte Präzisionsarbeit.

„Ich hab' mein Hobby zur Berufung gemacht“, sagt Wiesheu. Seit rund zehn Jahren beherrscht Matthias Wiesheu seine Kunst. Anfangs probierte er sich zwei, drei Jahre als Autodidakt aus, 2007 entstand dann die Idee, Gürtel selber zu machen. Das Lernen benötigt Zeit: 2011 war der erste Gürtel fertig, darauf folgten Hosenträger, Geldbeutel und Handtaschen. Er belegte Kurse, machte schließlich eine Ausbildung zum Sattler mit der Fachrichtung Feintäschner beim renommierten Lederlabel Roeckl in München und schloss die Ausbildung 2021 als Bundesbester ab – heute fertigt er komplette Teile vom Zuschneiden, Verarbeiten und Sticken und bereitet sich derzeit auf die Meisterprüfung vor.

Foto: Franziska Horn

„Gescheites und scharfes Werkzeug ist wichtig“, sagt er. In seiner Werkstatt stehen eine Nietpresse und eine Spindelpresse, zwei, drei Nähmaschienen von Dürrkopp, ein Stickrössl. In Südtirol und Österreich gibt es das Federkielsticken als Ausbildungsberuf: „Das dauert dort fünf Jahre. Bei uns ist es in die Sattler- und Täschner-Lehre integriert“, erzählt der bekennende Trachtenfan, der wie seine gesamte Familie Mitglied im Trachtenverein Staffelseer Oberföhring ist und als erster Gauvorplattler des Trachtenverbands Isargau schuhplattelt und tanzt. „Die ganze Trachtensach' ist einfach meins“, sagt er schlicht. „Das Tragen eines Ranzens ist für die Burschen im Alter von 17 Jahren sogar vorgeschrieben ist, im Rahmen der Werdenfelser Tracht, zu der zählen eine Hirschlederne, Loferl oder Strümpfe – und ein grüner Hut.“ Der von Matthias besteht aus butterweichem Hasenvelours und hat drei Federn vom asiatischen Schlangenhalsvogel,  aufgesteckt, der Schmuck nennt sich Roagaspitz.

Zuvor hatte Matthias als Biotechniker in einem Labor in Landsberg am Lech gearbeitet. „Ich hab viel und gut verdient, aber das Federkielsticken macht wich wirklich glücklich“, sagt er. Er betreibt es professionell, in Teilzeit als Selbstständiger, und arbeitet dazu parallel im Berufsbildungswerk München in Johanneskirchen.


Und die Kosten? Im 18. Jahrhunder hatte ein federkielbestickter Gurt den Wert von zwei bis drei Pferden, heißt es. „Das Handwerk ist nicht brotlos, aber idealistisch“, sagt er. Seine Auftragsarbeiten berechnet er nach Stundenzahl. „Für Hosenträger kommen 30 bis 40 Stunden zusammen, manchmal sogar 60 bis 70 Stunden. Das macht zwischen 700 und 1200 Euro. Gürtel gibt es ab 1000 Euro, inklusive Leder.“ Dafür erhält jeder Kunde ein individuelles, personalisiertes Stück. „Einem Spezl habe ich einen Ranzen zur Hochzeit geschenkt, der rund 5000 bis 7000 Euro wert ist“. Außerdem übernimmt Wiesheu Reparaturen und das Restaurieren historischer Stücke. Auf dem Werktisch liegt ein solch betagter Ranzen samt eingearbeitetetem Keil, den ein feines Randmuster aus winzigen Silberdraht- und Federkielelementen ziert und mittig das Zunftzeichen der Glaserinnung rahmt.

Foto: Franziska Horn

Foto: Franziska Horn

Ob sein Handwerk am Aussterben ist? „Solange es Trachten gibt, wird es auch das Federkielsticken geben. Und: Ich hab ja noch eine lange Karriere vor mir und möchte die Liebe zur Tracht an junge Leute weitervermitteln, Altes erhalten und mit modernem Einschlag weitergeben, für's boarisch Gwand oder für die Tracht mit ihren historischen Formen. Mein kleiner Sohn ist zwar erst ein Jahr alt, aber ich würd' mir wünschen, dass er einmal weitermacht!“

Franziska Horn

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