Anzeigen-Spezial

Mehr Start-Up-Kultur für den Staat

Allein für die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes müsste der öffentliche Dienst sein IT-Personal verdoppeln. Es zu bekommen ist nicht nur eine Frage des Geldes.

Um junge IT-Fachkräfte zu gewinnen, muss der öffentliche Dienst bei Technik und Rahmenbedingungen moderner werden.  Foto: Seventyfour/Adobe Stock

Ende vergangenen Jahres machte eine Nachricht des IT-Branchenverbandes Bitkom die Runde, die so manchen Personalverantwortlichen im öffentlichen Dienst Hoffnung schöpfen ließ: Eine Unternehmerbefragung hatte ergeben, dass sich der Mangel an IT-Experten in der freien Wirtschaft  unter dem Eindruck der Corona-Krise verringert habe. Ende 2020 waren über alle Branchen verteilt rund 86.000 Stellen frei. Im Vergleich zum Vorjahr entsprach das einem Rückgang um 31 Prozent. „Das bedeutet aber nicht, dass durch die Corona-Krise auf einmal IT-Fachkräfte auf den Markt gekommen sind. Im Gegenteil, die Konkurrenz wird noch stärker, weil auch Bund, Länder und Kommunen vermehrt nach diesen Leuten suchen“, erklärt Carsten Köppl, Geschäftsführer der auf den öffentlichen Dienst spezialisierten Beratungsagentur Next Public in Berlin.

Das liegt vor allem an der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes. Es verpflichtet die öffentliche Hand, 575 Verwaltungsleistungen bis Ende 2022 auch elektronisch über Verwaltungsportale anzubieten. „Wir haben berechnet, dass allein für diese Aufgabe auf den einzelnen föderalen Ebenen fast 50.000 IT-Fachkräfte benötigt werden“, sagt Ferdinand Schuster, Geschäftsführer des Instituts für den öffentlichen Sektor in Berlin. Aktuell beschäftigen Bund, Länder und Gemeinden zusammen etwa 45.000 IT-Kräfte. Außer für die  Entwicklung und Implementierung werden vor allem Spezialisten für den laufenden Betrieb gesucht, die Netzwerke flächendeckend warten und aufrechterhalten. „Selbst wenn man einen Teil der Aufgaben an externe Dienstleister outsourcen kann, wären drei Viertel der derzeitigen IT-Mitarbeiter damit beschäftigt, dieses eine Gesetz umzusetzen“, erläutert Schuster. Der öffentliche Dienst benötigt für seine Digitalisierung also dringend Verstärkung.

Anzeige

Mit Geld kann er Bewerber allerdings nicht überzeugen, zu groß ist der Abstand bei den Gehältern im Vergleich zur Privatwirtschaft. „Der öffentliche Dienst macht es sich in dieser Hinsicht aber manchmal etwas zu leicht, wenn er die Schuld beim IT-Fachkräftemangel nur am fehlenden Geld festmacht“, kritisiert Carsten Köppl. „Gerade im IT-Bereich schrecken die analogen und langwierigen Bewerbungsprozesse junge Talente ab.“ IT-Fachkräfte erwarten zudem von ihrem Arbeitgeber die Möglichkeit, mobil oder von zu Hause zu arbeiten. Auch da hat der öffentliche Dienst gegenüber Unternehmen im Wettbewerb um die klügsten Köpfe oft  das Nachsehen. Dritter Kritikpunkt des Agenturchefs sind die zuweilen fehlenden Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten. „Manche IT-Spezialisten wollen durchaus Karriere machen, scheuen aber die damit einhergehende Personalverantwortung, weil das nicht zu ihren Stärken gehört“, erläutert Köppl. Fachkarrieren ohne Mitarbeiterführung sind bei Bund und Ländern bislang zu selten möglich.

Am Geld allein liege es nicht, bestätigt Ferdinand Schuster. „Viele Start-ups können ihren Mitarbeitern auch nicht viel zahlen und sie trotzdem für sich begeistern“, sagt der Institutsleiter. Dieses Manko machen sie mit einer Innovationskultur wett, die den Menschen kreative Freiräume gibt und ihnen Spaß an der Arbeit vermittelt. Eine erstklassige technische Ausstattung und rasche Aufstiegsmöglichkeiten sorgen ebenfalls dafür, dass IT-Kräfte lieber bei Start-ups als beim Staat anheuern. „Der öffentliche Dienst sollte sich auf diesen Gebieten verbessern und seine Vorzüge, wie etwa eine sinnvolle Tätigkeit, geregelte Arbeitszeiten und Familienfreundlichkeit, noch besser hervorheben“, erklärt Schuster. Die vielen spannenden Projekte, an denen man für Bundes- und Landesministerien arbeiten kann, sind oft zu wenig bekannt. „Die Verteidigung der Cybersicherheit Deutschlands, die IT-Forensik bei der Klärung von Kriminalfällen oder die Verbesserung der digitalen Leistungen der öffentlichen Verwaltung sind wesentlich spannender und sinnvoller als die ständige Warenkorboptimierung für einen Onlineversanddienstleister“, sagt Köppl. Es gibt also gute Gründe, warum IT-Fachkräfte sich gegen das große Geld und für den öffentlichen Dienst entscheiden.

Anzeige

Anzeige

Hoffnung gibt es zumindest auf eine modernere IT-Infrastruktur. Aus dem Corona-Hilfspaket der EU sollen rund 26 Milliarden Euro nach Deutschland fließen. Mehr als Hälfte davon stehen für Maßnahmen und Technologien zur Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung zur Verfügung. „Dass die Digitalisierung in Deutschland gleichermaßen schnell wie nachhaltig vorangetrieben werden muss, haben die Erfahrungen in der Pandemie deutlich vor Augen geführt“, fordert Bitkom-Präsident Achim Berg. „Es darf nicht sein, dass im Jahr 2021 etwa die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gesundheitsämtern und Verwaltungen nicht durchgängig aus dem Homeoffice arbeiten können“, sagt Berg. Er warnt jedoch davor, einfach bestehende, analoge Abläufe eins zu eins in die digitale Welt zu überführen. Denn Digitalisierung, so der Bitkom-Präsident, sei mehr als Hard- und Software, sie sei vor allem auch ein Mindset. Welcher vernünftige IT-ler wollte da widersprechen? 
        

Jacob Neuhauser

zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren

  • DEIN JOB GEFÄLLT DIR? SAG’S WEITER!

    Zufriedene Mitarbeiter sind die besten Werber. Ihre Begeisterung zur Gewinnung neuer Kollegen zu nutzen, ist nur ein Tipp von Personalexperten im und nahe dem öffentlichen Dienst. Weiterlesen

  • GOODBYE PRIVATWIRTSCHAFT – HELLO ÖFFENTLICHER DIENST

    An jeder Ecke trifft man sie nicht – hoch qualifizierte Frauen und Männer, die ihre Karrierepositionen in der Privatwirtschaft zugunsten einer Tätigkeit bei einem öffentlichen Arbeitgeber aufgegeben haben. Hier erzählen sie, warum sie den Schritt gewagt und nicht bereut haben. Weiterlesen

  • Auf geht's!

    Das stärkste Pfund, mit dem Recruiter im öffentlichen Dienst wuchern können, ist die Sicherheit der Arbeitsplätze: Sie wandern weder nach Fernost noch in die Cloud. Weiterlesen

NICHT FÜR JEDEN, SONDERN FÜR ALLE ARBEITEN

Der öffentliche Dienst bietet eine Fülle an sinnvollen Aufgaben und spannenden Entfaltungsmöglichkeiten.
Doch es gibt noch einiges zu tun, damit sich künftig mehr Bewerber für ihn entscheiden.

1 – Corona und die Folgen2 – Rekrutierung3 – Digitalisierung

Der runde Tisch teilnehmer

  • Werner Albrecht

    ist seit November 2013 Geschäftsführer Personal, Immobilien, Bäder bei den Stadtwerken München (SWM). 

    Nach einer Ausbildung in der Kommunalverwaltung arbeitete er fast 20 Jahre für die Gewerkschaft ÖTV, später ver.di. 2003 ging er zu den SWM in den Bereich Personalpolitische Grundsatzfragen. 2007 wechselte er in das Büro der Geschäftsführung, 2013 wurde er Leiter des Personalmanagements.

  • Dr. Alexander Dietrich

    ist seit Juli 2016 hauptberuflicher Stadtrat und Personal- und Organisationsreferent der Landeshauptstadt München. 

    Nach dem Jurastudium arbeitete er als Rechtsanwalt, als Staatsanwalt und Richter am Amtsgericht München sowie als Referatsleiter für Justiz und öffentlichen Dienst bei der CSU-Landtagsfraktion. Von 2013 bis 2016 war er ehrenamtlicher Stadtrat der CSU.

  • Kerstin Dübner-Geeist

    seit März 2018 Leiterin der neuen Abteilung Personalentwicklung & Chancen in der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). 

    Zuvor war sie unter anderem Leiterin des Munich Dual Career Office und Koordinatorin des Zukunftskonzepts Exzellenzinitiative der Technischen Universität München. Zuletzt verantwortete sie das Geschäftsfeld Interne Angebote der Fraunhofer Academy.

  • Friederike Engert

    ist seit August 2014 Sachgebietsleiterin im Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration. 

    Sie leitet das Sachgebiet Personal für akademisches Personal in der allgemeinen inneren Verwaltung und der Verwaltungsgerichtsbarkeit. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft an den Universitäten Heidelberg und Bologna arbeitete sie zwei Jahre als Rechtsanwältin in einer Münchner Großkanzlei, ehe sie 1999 in das Staatsministerium wechselte.

  • Dr. Nicole Lang

    ist seit Mai 2018 Leiterin der Abteilung II „Recht des öffentlichen Dienstes und Personalverwaltung“ im Staatsministerium der Finanzen und für Heimat. 

    Nach dem Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Regensburg begann sie 1999 ihre Karriere beim Staatsministerium der Finanzen. 2007 wurde sie Büroleiterin des Staatsministers, 2011 Referatsleiterin für „Besoldung und Stellenpläne“.

  • Harald Riedel

    ist seit 2008 Stadtrat und Kämmerer der Stadt Nürnberg. 

    Aufgabenschwerpunkt ist die Schaffung einer modernen und leistungsfähigen Verwaltung. Nach dem Studium der Volkswirtschaft begann er bei der Münchener Ingenieurberatungsgesellschaft Dorsch Consult in der Entwicklungsplanung. Von 1996 bis 2004 war er Geschäftsführer der Nürnberger SPD-Stadtratsfraktion und von 2004 bis 2008 Referatsleiter in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit. Neben seiner Arbeit als Kämmerer ist er seit Mai 2017 auch für die Bereiche Personal und IT verantwortlich.

  • Norbert Sauer

    Ist seit Juli 2017 Leiter der Personalabteilung bei der Bayerischen Versorgungskammer (BVK). 

    Nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann studierte er Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Hochschule Nürnberg. Seine berufliche Laufbahn begann er als Controller im Rechnungswesen der Quelle Versicherungen in Fürth. 1999 wechselte er als Revisor zur BVK und war jeweils fünf Jahre stellvertretender Revisionsleiter und Leiter des Vorstandsreferats.

DER RUNDE TISCH – Arbeiten beim öffentlichen Dienst

Seit Beginn der Corona-Krise zieht es viel mehr Menschen als früher zu den öffentlichen Arbeitgebern. Das ist schön, reicht aber nicht, um die künftigen Lücken zu schließen. Im Umgang mit der Werbetrommel muss Vater Staat noch furioser werden.

PDF herunterladen