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Corona geht, der Mangel bleibt

Dem öffentlichen Dienst droht in den nächsten zehn Jahren eine empfindliche Personallücke. Ein Lichtblick: Sein Ansehen bei jungen Menschen ist in der Corona-Krise gestiegen.

Der öffentliche Dienst bietet dem Nachwuchs in Zukunft hervorragende Karrieremöglichkeiten.  Foto: Adobe Stock

Die Corona-Krise hat in Deutschland vieles durcheinander und im öffentlichen Dienst manches in Bewegung gebracht, doch ein Problem ist geblieben: Der Mangel an geeignetem Nachwuchs belastet nicht nur die Wirtschaft, sondern auch Arbeitgeber auf Bundes-, Länder- und Gemeindeebene. Sie benötigen nach einer aktuellen Einschätzung von dbb Beamtenbund und Tarifunion fast 330.000 Mitarbeiter. Allein in den Kommunalverwaltungen werden derzeit mehr als 145.000 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die allgemeine Verwaltung, die Ausländerbehörden, Bau- und Jugendämter, Kindertagesstätten und andere Einrichtungen gebraucht. Die Schulen suchen circa 38.000 Lehrkräfte, Bundespolizei und Steuerverwaltung benötigen jeweils 27.000 neue Mitarbeiter und auf Landesebene fehlen 25.000 Polizisten. „Der Bedarf wächst seit Jahren um rund zehn Prozent jährlich“, sagt der dbb-Vorsitzende Ulrich Silberbach. „Die demografische Entwicklung treibt eine Abwärtsspirale an, gegen die die Kommunen, die Länder und der Bund viel zu wenig gegensteuern“, warnt Silberbach. 


Allein in diesem Jahr werden zwei Prozent des Personals im öffentlichen Dienst in den Ruhestand gehen. In den nächsten zehn Jahren scheiden weitere 1,27 Millionen Beschäftigte altersbedingt aus. Zieht man davon die zu erwartenden Neueinstellungen ab, bleibt rechnerisch eine Personallücke von mehreren hunderttausend Mitarbeitern, die bei Bund, Ländern und Kommunen fehlen werden. Erschwerend kommt hinzu, dass der öffentliche Dienst mit der Digitalisierung, dem ökologischen Umbau von Gesellschaft und Wirtschaft sowie der zunehmenden Aggression und Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung vor ganz neuen Herausforderungen steht. Den Personalverantwortlichen rennt schon allein aufgrund der steigenden Zahl an offenen Stellen die Zeit davon. „In den nächsten zehn Jahren verliert der öffentliche Dienst etwa 30 Prozent seiner Mitarbeiter. Je länger wir warten mit der Frage nach dem qualitativen Recruiting, umso eher kommt der öffentliche Dienst in eine Drucksituation, die er nicht will“, warnt Professor Christoph Beck, Studiengangleiter Master of Science Human Resource Management an der Hochschule Koblenz.

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Die Corona-Krise erweist sich für den öffentlichen Dienst jedoch nicht nur als gewaltige Herausforderung im Gesundheitsbereich, sondern auch als Chance bei der Rekrutierung von frischem Personal. Die Wertvorstellungen verändern sich, und Prioritäten werden neu gesetzt. „Der öffentliche Dienst hat bei den von uns untersuchten vier Zielgruppen, also Schülern, Studierenden, Akademikern und Nichtakademikern mit Berufserfahrung, deutlich an Attraktivität hinzugewonnen“, sagt Robindro Ullah, Geschäftsführer von Trendence. Das Berliner Beratungs- und Marktforschungsunternehmen für Talent Intelligence erhebt kontinuierlich Daten zum Thema Arbeit. „Den höchsten Anstieg verzeichnen wir bei den Akademikern mit Berufserfahrung. Von denen sagen 31,1 Prozent, dass sie den öffentlichen Dienst attraktiver als vor der Krise finden“, erläutert Ullah. Bei Schülern und Nicht-Akademikern sieht es fast jeder Vierte so und bei den Studenten jeder Fünfte. 


Bei der Suche nach den Gründen für die gestiegene Attraktivität ist die Forschungsgruppe bei Trendence auf eine Reihe positiver Faktoren gestoßen, die junge Menschen beim öffentlichen Dienst stärker wahrnehmen als vor der Pandemie. „Das Thema Systemrelevanz ist für die von uns untersuchten Zielgruppen viel wichtiger geworden und wird sehr stark mit dem öffentlichen Dienst in Verbindung gebracht“, sagt Ullah. Jeder zweite Befragte gab an, bei seiner nächsten Jobsuche vermehrt auf dieses Kriterium im Arbeitsbereich oder bei der konkreten Tätigkeit zu achten. Dass der öffentliche Dienst darüber hinaus mit den Attributen sichere Anstellung, gute Work-Life-Balance und attraktive Arbeitszeiten verbunden wird, spielt in Krisenzeiten natürlich auch eine größere Rolle als in Phasen des konjunkturellen Aufschwungs.

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Das gestiegene Ansehen macht sich bei Bund, Länder und Gemeinden schon jetzt bemerkbar. Im ersten Krisenjahr sind zum Beispiel bei kommunalen Arbeitgebern wesentlich mehr Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen eingegangen als vorher, berichtete das Fachmagazin Kommunal im März 2021. Dennoch bleibt der öffentliche Dienst nach Ansicht von Beck aufgrund des demographischen Wandels gefordert, seine Suchmethoden nach geeigneten Kandidaten besser auf die Zielgruppen und deren Mediennutzungsverhalten auszurichten. Ein weiterer Ansatzpunkt sind für ihn die Arbeitsinhalte. „Viele kommunale Arbeitgeber beklagen, dass potenziellen Mitarbeitern die Bandbreite der Tätigkeiten im öffentlichen Dienst gar nicht bewusst sei“, erläutert Beck. Dieses Wissensdefizit seiner Zielgruppen zu beheben, sei in erster Linie eine Kommunikationsaufgabe.

Das sieht Robindro Ullah genau so. „Jetzt ist die Zeit besser geeignet denn je, für den öffentlichen Dienst zu rekrutieren“, sagt der Trendence-Geschäftsführer. Diese Chance wird seiner Meinung nach nur von manchen Institutionen wie der Bundeswehr oder Polizei aktiv genutzt. Viele andere Einrichtungen, die dem breiten Spektrum des öffentlichen Dienstes zuzurechnen sind, treten dagegen trotz der günstigen Ausgangslage zu wenig in Erscheinung. „Diesen Rückenwind nutzen leider gar nicht so viele“, bedauert Ullah. Für das Recruiting haben Bund, Länder und Gemeinden also noch viel Luft nach oben.

Dass der öffentliche Dienst bei der Nachwuchsrekrutierung zu den Gewinnern der Corona-Krise zählt, bestätigt auch die jüngste Studierendenstudie der Unternehmensberatung EY. 26 Prozent der jungen Menschen auf dem Weg in den Beruf halten ihn für die ideale Branche. Vor allem Frauen zieht es zu Vater Staat: 34 Prozent von ihnen finden den öffentlichen Dienst für den Karrierestart besonders attraktiv, bei den Männern sind es nur 19 Prozent. „Der Staat steht als Arbeitgeber in der Gunst der Studierenden ganz vorn“, bekräftigt Oliver Simon, Leiter der Personalabteilung von EY in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Eine Liebesbeziehung sei dies aber nicht unbedingt, so der Personalleiter, denn Branchen wie IT, Pharma, Maschinen- und Automobilbau würden allgemein als noch attraktiver eingeschätzt. „Gerade in Krisenzeiten steht bei der Jobsuche jedoch die Sicherheit an erster Stelle. Daher dürften Studierende während der Corona-Krise eher rational ihren Arbeitgeber aussuchen“, sagt Simon. Doch eine Entscheidung mit Köpfchen ist bei der Berufswahl ja nicht die schlechteste Idee.

Jacob Neuhauser

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Doch es gibt noch einiges zu tun, damit sich künftig mehr Bewerber für ihn entscheiden.

1 – Corona und die Folgen2 – Rekrutierung3 – Digitalisierung

Der runde Tisch teilnehmer

  • Werner Albrecht

    ist seit November 2013 Geschäftsführer Personal, Immobilien, Bäder bei den Stadtwerken München (SWM). 

    Nach einer Ausbildung in der Kommunalverwaltung arbeitete er fast 20 Jahre für die Gewerkschaft ÖTV, später ver.di. 2003 ging er zu den SWM in den Bereich Personalpolitische Grundsatzfragen. 2007 wechselte er in das Büro der Geschäftsführung, 2013 wurde er Leiter des Personalmanagements.

  • Dr. Alexander Dietrich

    ist seit Juli 2016 hauptberuflicher Stadtrat und Personal- und Organisationsreferent der Landeshauptstadt München. 

    Nach dem Jurastudium arbeitete er als Rechtsanwalt, als Staatsanwalt und Richter am Amtsgericht München sowie als Referatsleiter für Justiz und öffentlichen Dienst bei der CSU-Landtagsfraktion. Von 2013 bis 2016 war er ehrenamtlicher Stadtrat der CSU.

  • Kerstin Dübner-Geeist

    seit März 2018 Leiterin der neuen Abteilung Personalentwicklung & Chancen in der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). 

    Zuvor war sie unter anderem Leiterin des Munich Dual Career Office und Koordinatorin des Zukunftskonzepts Exzellenzinitiative der Technischen Universität München. Zuletzt verantwortete sie das Geschäftsfeld Interne Angebote der Fraunhofer Academy.

  • Friederike Engert

    ist seit August 2014 Sachgebietsleiterin im Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration. 

    Sie leitet das Sachgebiet Personal für akademisches Personal in der allgemeinen inneren Verwaltung und der Verwaltungsgerichtsbarkeit. Nach dem Studium der Rechtswissenschaft an den Universitäten Heidelberg und Bologna arbeitete sie zwei Jahre als Rechtsanwältin in einer Münchner Großkanzlei, ehe sie 1999 in das Staatsministerium wechselte.

  • Dr. Nicole Lang

    ist seit Mai 2018 Leiterin der Abteilung II „Recht des öffentlichen Dienstes und Personalverwaltung“ im Staatsministerium der Finanzen und für Heimat. 

    Nach dem Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Regensburg begann sie 1999 ihre Karriere beim Staatsministerium der Finanzen. 2007 wurde sie Büroleiterin des Staatsministers, 2011 Referatsleiterin für „Besoldung und Stellenpläne“.

  • Harald Riedel

    ist seit 2008 Stadtrat und Kämmerer der Stadt Nürnberg. 

    Aufgabenschwerpunkt ist die Schaffung einer modernen und leistungsfähigen Verwaltung. Nach dem Studium der Volkswirtschaft begann er bei der Münchener Ingenieurberatungsgesellschaft Dorsch Consult in der Entwicklungsplanung. Von 1996 bis 2004 war er Geschäftsführer der Nürnberger SPD-Stadtratsfraktion und von 2004 bis 2008 Referatsleiter in der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit. Neben seiner Arbeit als Kämmerer ist er seit Mai 2017 auch für die Bereiche Personal und IT verantwortlich.

  • Norbert Sauer

    Ist seit Juli 2017 Leiter der Personalabteilung bei der Bayerischen Versorgungskammer (BVK). 

    Nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann studierte er Wirtschaftswissenschaften an der Technischen Hochschule Nürnberg. Seine berufliche Laufbahn begann er als Controller im Rechnungswesen der Quelle Versicherungen in Fürth. 1999 wechselte er als Revisor zur BVK und war jeweils fünf Jahre stellvertretender Revisionsleiter und Leiter des Vorstandsreferats.

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Seit Beginn der Corona-Krise zieht es viel mehr Menschen als früher zu den öffentlichen Arbeitgebern. Das ist schön, reicht aber nicht, um die künftigen Lücken zu schließen. Im Umgang mit der Werbetrommel muss Vater Staat noch furioser werden.

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