Großes kann mit einem Fehler beginnen

Was meinen Sie?

Wählen Sie ein Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche.

Welcher Papst hat das gesagt?

„Wir können uns nicht nur mit der Frage um die Abtreibung befassen, mit homosexuellen Ehen, mit Verhütungsmethoden. (…).

Ich habe nicht viel über diese Sachen gesprochen. Das wurde mir vorgeworfen. (…).

Man kennt ja übrigens die Ansichten der Kirche, und ich bin ein Sohn der Kirche. Aber man muss nicht endlos davon sprechen.“

Benedikt
/
Franziskus
Das Zitat klingt nach dem konservativen Benedikt, es war aber Franziskus. Die Äußerung fiel 2013 in einem Interview mit der jesuitischen Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“.
Richtig, es war Franziskus!

Welcher Papst hat schon mal in einem Interview geweint?

Benedikt
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Franziskus
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Johannes Paul II.
Es war Benedikt, als er in einem Interview mit dem Journalisten Peter Seewald über seinen letzten Tag als amtierender Papst sprach.

Benedikt ist der erste Papst der Neuzeit, der seine Macht zu Lebzeiten freiwillig abgegeben hat. Finden Sie das…

… mutig!
/
… nicht angemessen.
Ziemlich mutig für einen Mann, den manche für einen Ewiggestrigen und verstockten Konservativen halten, oder? Benedikt hat noch mehr unbekannte Seiten.
Ein Papst tritt nicht so einfach zurück wie ein amtsmüder Minister, meinen Sie? Vielleicht ändern Sie Ihre Meinung, wenn Sie diesen Text lesen.

Der Urknall

Urknall mit Folgen: Wie der Vatikan zwei Päpste bekam

Zum ersten Mal seit mehr als 700 Jahren leben zwei Päpste im Vatikan. Der Weg dorthin kam einer Revolution gleich, deren Erschütterungen die katholische Kirche noch heute spürt.

Kloster Mater Ecclesiae, Vatikanische Gärten, kurz vor Ostern: Papst Franziskus besucht seinen Vorgänger, den emeritierten Papst Benedikt, um ihm zum bevorstehenden Osterfest und Geburtstag zu gratulieren. Seit Benedikts Rückzug kommt er jedes Jahr persönlich vorbei.

Es muss ein ungewöhnliches Bild sein, wie ein Papst dem anderen zum Geburtstag gratuliert. Es ist aber auch eine ungewöhnliche, ja historische Konstellation: Seit mehr als 700 Jahren ist es das erste Mal, dass zwei Päpste gleichzeitig im Vatikan leben. Benedikt gilt zudem als erster Papst seit Coelestin V. im 13. Jahrhundert, der auf eigenen Wunsch zurückgetreten ist.

Ausgerechnet der als konservativ geltende Benedikt erschütterte mit seiner Entscheidung die katholische Kirche. Der Benedikt, der 1927 als Joseph Aloisius Ratzinger in eine tief religiöse Familie geboren wird und schon als Gymnasiast weiß, dass er Priester werden will. Blickt man so auf seine Geschichte, wirkt sein Weg bis zum Rückzug aus dem Papst-Amt geradlinig. Wer jedoch genauer hinschaut, stößt früh auf den Wunsch nach Rückzug und Kontemplation.

So versuchte der damalige Papst Johannes Paul II. mehrmals vergeblich, Ratzinger nach Rom zu holen. Der war damals Erzbischof von München und Freising und fürchtete, nicht mehr genug Zeit für seine theologischen Studien zu haben, wenn er dem päpstlichen Ruf folgt. Aber der Papst ist der Papst und so gab Ratzinger schließlich nach: 1982 wird er Präfekt der Glaubenskongregation, die die Glaubens- und Sittenlehre der katholischen Kirche fördern und schützen soll.

Ich hatte gehofft, dass der Kelch
an ihm vorübergeht

Benedikts Bruder Georg

Die Gegner

Das erste Zusammentreffen

„Ich hatte gehofft, dass der Kelch an ihm vorübergeht“, sagt Benedikts Bruder und meint dessen Wahl zum Papst 2005. Und beinahe wäre der Kelch das sogar, glaubt man dem Bericht eines anonymen Kardinals.

Eine Gruppe progressiver Kardinäle wollte angeblich Ratzingers Wahl verhindern. Ihr Plan: Ihn mit einem starken progressiven Gegenkandidaten zum Rückzug zwingen. Schnell kristallisierte sich heraus, dass nur einer dem Deutschen gefährlich werden konnte: der argentinische Kardinal Jorge Maria Bergoglio. Der Jesuit galt in einigen theologischen Fragen als moderater als Ratzinger. Im dritten Wahlgang bekam Bergoglio 40 Stimmen – mehr als ein Drittel der Gesamtstimmen.

Doch dann machte der Argentinier einen Rückzieher. Er habe streuen lassen, er werde die Wahl nicht annehmen, sollte er eine Mehrheit bekommen, heißt es. Damit machte Bergoglio den Weg frei für Ratzinger. Denn für einen Kandidaten, der nicht gewinnen will, stimmt niemand. Im nächsten Wahlgang erhielt der Deutsche die nötigen Stimmen.

Die Bild

Die „Bild“ schwelgt in Euphorie – aber Benedikt spürt, wie genau er beobachtet wird

Dass die Wahl 2005 erneut auf einen europäischen Papst fällt, verwundert manche. Die „Bild“-Zeitung feiert die Entscheidung unverdrossen und deutet die Wahl als kollektive Errungenschaft aller Deutschen: „Wir sind Papst“, jubelt es von der Titelseite. Doch die Euphorie steckt trotz der damals mehr als 25 Millionen in Katholiken in Deutschland nicht alle an.

Manche Landsleute beäugen ihn gerade, weil er Deutscher ist, besonders kritisch. Benedikt weiß das. „Dass es im katholischen Deutschland eine beträchtliche Schicht gibt, die darauf wartet, auf den Papst einschlagen zu können, ist eine Tatsache“, hat er einmal gesagt.

Erst später wird Benedikt preisgeben, dass er auch andere Seiten hat. In einem Interview verrät er, dass ihm die Entscheidung zum Zölibat nicht leichtfiel – sogar eine Verliebtheit im Studentenalter wird angedeutet.

Gute Nacht
und Dank
euch allen

Papst Benedikt

Die Entscheidung

Urknall mit unabsehbaren Folgen: Benedikts Entscheidung

Die Auslandsreisen machen Benedikt gesundheitlich schwer zu schaffen. Er hält es aber für die Pflicht des Papstes, auch den Kontakt zu den Gläubigen in aller Welt aufrechtzuerhalten. Hinzu kommt der öffentliche Druck, unter anderem wegen der Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche. Benedikt hatte zwar schon vor seiner Wahl zum Papst die Weichen dafür gestellt, dass Missbrauchsfälle schärfer verfolgt werden, aber in der Öffentlichkeit ist über die Jahre das Bild einer Kirche entstanden, deren Mühlen sehr langsam mahlen und in der die Täter oft erst sehr spät zur Rechenschaft gezogen werden. Benedikt trifft eine Entscheidung.

Als er am 10. Februar 2013 vor seine Kardinäle tritt, ist er mit sich und Gott im Reinen. Seine schwindende Gesundheit erlaube es ihm nicht länger, „das Schifflein Petri“ zu steuern. 18 Tage darauf verabschiedet er sich von den Gläubigen: „Gute Nacht und Dank euch allen“, sagt Benedikt und zieht sich zurück.

Der damals entbrannte Streit ist noch nicht beigelegt: Hat Benedikt das Amt entwertet? Werden in Zukunft die Päpste aufeinanderfolgen wie weltliche Würdenträger?

Oder hat er dem Amt gerade gedient? Indem er es in die neue Zeit überführt hat, in der die Menschen länger leben, aber ihre körperlichen und gesundheitlichen Fähigkeiten oft vor dem Lebensende stagnieren?

Ein neuer Mann

Ein neuer Mann – mit einer Bürde aus der Vergangenheit

Rom, 12./13. März 2013: Das Konklave wählt den neuen Papst. Diesmal soll es jemand außerhalb Europas werden. Erneut richtet sich die Aufmerksamkeit auf Kardinal Bergoglio aus Argentinien. Der Jesuit, der mit kirchlichem Prunk nichts anfangen kann lieber Bus statt Limousine fährt, scheint der ideale Kandidat zu sein.

Doch Bergoglio ist wegen seiner Vergangenheit umstritten. Der Haupt-Vorwurf: Er habe während der Militärdiktatur in Argentinien in den 1970er Jahren zur Verhaftung zweier Jesuiten beigetragen, die von der Junta gefoltert wurden.

Bergoglio selbst sagt, er habe sich für die Freilassung der Männer eingesetzt, die später tatsächlich erfolgte. Es gibt Menschen, die bestätigen, dass der Kardinal ihnen damals geholfen hat. Genauso gibt es Stimmen, die behaupten, Bergoglios Verhältnis zur Junta sei weniger eindeutig, als er es darstellt. Kann nur ein Mann mit blütenweißer Weste Papst werden – oder auch einer, der in einer schwierigen Zeit möglicherweise Entscheidungen getroffen hat, unter denen andere litten?

Die Kardinäle entscheiden sich im fünften Wahlgang für Bergoglio.

Es gibt zwei PÆpste im Vatikan

Der Eremit

Was wird aus dem emeritierten Papst?

Die Welt hat einen neuen Papst: Franziskus. Doch wie geht er mit dem zurückgetretenen Papst um? Er könnte ihm verbieten, sich öffentlich zu äußern. Oder sich dafür einsetzen, dass Benedikt die Vatikanischen Gärten verlässt. Doch Franziskus entscheidet anders.

Benedikt bleibt. Es gibt gemeinsame Termine, es gibt Besuche. Es gibt zwei Päpste im Vatikan – und die Welt gewöhnt sich daran.

REVOLUTIONÄR?

Ist Benedikt ein Revolutionär?

Böse Zungen behaupten, Benedikts Rückzug sei das einzig Bemerkenswerte an seinem Pontifikat gewesen. Er selbst nannte sich einen Papst „zwischen den Zeiten“: Sein Pontifikat mag kurz gewesen sein, aber Benedikt manövrierte das „Schifflein Petri“ durch historisch schwierige Gewässer.

Er war der erste Papst, der den Missbrauchsskandal der Kirche wirklich ernst nahm. Benedikt verstand, dass die Kurie reformiert werden musste und dass es dafür womöglich einen neuen Papst brauchte.

Papst Franziskus nannte seinen Vorgänger in einem Interview einen „Revolutionär“. Das erstaunt, schließlich hat sich Benedikt immer gegen Zugeständnisse der Kirche an den Zeitgeist ausgesprochen.

Aber die Machtübergabe zu Lebzeiten haben das Papst-Amt nachhaltig erschüttert und verändert. Welcher geistliche oder weltliche Würdenträger hat eine solche Demut vor dem Amt bewiesen, in das er gewählt wurde? Eine solche Macht abzugeben, im Glauben daran, dem Amt damit zu dienen – dazu gehört wahre Größe. Und die ist selten.

Wer einen Gegenpapst will, ist bei Benedikt an der falschen Adresse.

Leben heute

Benedikts Leben heute: kein Gegenpapst, aber auch kein stiller Eremit

Benedikt lebt heute zurückgezogen, ihm stehen vier Haushälterinnen und sein Privatsekretär, der Erzbischof Georg Gänswein, zur Seite. Gelegentlich empfängt er Besuch. Details erfährt die Welt aber nur dann, wenn der Besuch darüber Bericht erstattet – der Vatikan tut es nicht mehr.

Der emeritierte Papst ist kein Einsiedler. Gelegentlich meldet er sich mit Texten zu Wort. Sein Rückzugsort ist jedoch nicht zur Pilgerstätte der Franziskus-Kritiker geworden.

Wer einen Gegenpapst will, ist bei Benedikt an der falschen Adresse. Entsprechende Vereinnahmungsversuche soll es gegeben haben. Solche Besucher habe der Papa emeritus aber hinauswerfen lassen, wird kolportiert – „auf bayerische Art“.

Der Nachfolger

Benedikts Nachfolger steht im Dauerfeuer der Kritiker

Während es um Benedikt ruhiger wurde, lässt Papst Franziskus mit seinem Workload Manager erblassen und Ärzte um seine Gesundheit fürchten: Sein Tag beginnt gegen 4.30 Uhr und endet gegen 22 Uhr. Seine Kritiker besänftigt dies jedoch nicht. Negativer Höhepunkt der Attacken: ein Protestschreiben, das ihm „frevlerische und abergläubische Taten“ vorwirft.

Für Unmut unter Franziskus‘ konservativen Kritikern sorgte zudem eine Empfehlung wichtiger Kardinäle zum Zölibat: Im Einzelfall sollten auch besonders verdiente verheiratete Männer Priester werden dürfen. Beobachter werten dies als Punktsieg für Franziskus und seine Anhänger. Die Gegenseite jedoch tobt. Der deutsche Kardinal Walter Brandmüller sprach zwischenzeitlich von „Häresie“.

Ausgerechnet der als konservativ geltende Benedikt hat die Weichen für den Modernisierungskurs gestellt. Es ist aber ein schwieriges Erbe: Es umfasst nicht nur die weitere Aufarbeitung der Missbrauchsskandale und die Neuordnung der Vatikan-Finanzen. Es geht ums Ganze: Papst Franziskus will das „Schifflein Petri“ so umbauen, dass es für die Gewässer des 21. Jahrhunderts taugt. Die Schwierigkeit besteht darin, auch seine konservativen Kritiker mitzunehmen.

Ein anderer Mann hätte dieses Erbe wohl ausgeschlagen. Aber der Papst ist der Papst. Und vielleicht ist Franziskus manchmal froh darüber, dass auf demselben Grundstück wie er die eine Person auf Erden wohnt, die genauso gut wie er um die Bürde des Amtes weiß.

Intro
Der Urknall
Die Gegner
Die Bild
Die Entscheidung
Ein neuer Mann
Der Eremit
Revolutionär?
Leben heute
Der Nachfolger
Die zwei Päpste.
Vor seinem Rücktritt – einem Wendepunkt in der katholischen Kirche – begann Papst Benedikt XVI. eine überraschende Freundschaft mit dem zukünftigen Papst Franziskus.
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