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Frischer Wind im eingefahrenen System

Start-ups bringen Innovationen in die medizinische Welt. Einige Entwicklungen helfen heute schon Menschen in Deutschland – doch viele Gründer tun sich auf dem Heimatmarkt schwer

Illustration: Katharina Bitzl

Seit anderthalb Jahren hört Beate Kerth jeden Tag Musik. Exakt 90 Minuten. So lange dauert das Programm Tinnitracks auf ihrem Smartphone, das ihr hilft, den Tinnitus zu zähmen. Das laute Fiepen im Ohr plagt die 62-Jährige schon mehr als 30 Jahre. Viele Behandlungen brachten nichts, Infusionstherapie, Cortison und Reha haben nicht die erhofften Effekte gezeigt. Bis Kerths Mann im Frühjahr 2018 in einer Broschüre von Tinnitracks las. „Was hätte ich schon verlieren können? Ich war neugierig und habe mit dem Programm begonnen“, sagt Kerth. „Es funktioniert so, dass Töne in der Frequenz des Tinnitus aus meinen ausgewählten Songs herausgefiltert werden – was die Hörzellen wieder ins Gleichgewicht bringt.“

Nur Musik hören und Linderung erfahren? Was ein wenig zu schön klingt, um wahr zu sein, hat bei Beate Kerth tatsächlich gewirkt. „Anfangs war mir etwas schwindelig während des Hörens, aber schon nach vier Monaten habe ich eine deutliche Besserung erfahren. Und es wird weiter besser“, berichtet die Pfälzerin. Auch ihr HNO-Arzt sei ganz verdutzt von dem Erfolg der neuen Therapiemethode, die auf neuen Erkenntnissen der Hirnforschung basiert. Immer mehr würde der nervtötende Ton in den Hintergrund treten, auch Kerths Gehör verbessere sich kontinuierlich. „Das erste Jahr hat die Kasse übernommen. Jetzt zahle ich selbst einen Beitrag von 80 Euro pro Jahr – überschaubar, wenn ich meinen enormen Zugewinn an Lebensqualität sehe.“

Ihren Heilungserfolg hat Beate Kerth einem deutschen Start-up namens Sonormed zu verdanken. Durch Einzelverhandlungen mit der Techniker Krankenkasse hat Sonormed Tinnitracks Anfang 2016 zur ersten erstattungsfähigen App in Deutschland gemacht. Mittlerweile übernehmen 79 Kassen die Kosten für die Versicherten. „Damit ist Tinnitracks aber weiterhin ein Ausnahmefall“, erklärt Michael Reiter, „denn Start-up-Produkte auf Rezept kann man an einer Hand abzählen.“ Reiter, der zusammen mit Mirjam Bauer den Blog healthcare-startups.de betreibt, setzt große Hoffnungen in das Ende 2019 vom Bundestag verabschiedete Digitale-Versorgung-Gesetz: „Sein Ziel ist es, einen Weg zu schaffen, der vielen Start-ups den Eintritt in die Regelversorgung erleichtert.“

Doch wie genau sieht die Szene aus, die von der Gesetzesänderung profitieren soll? Welche Gründer haben sich bereits einen Namen gemacht, wie gut sind die Bedingungen für neue Unternehmen? „Die Szene ist sehr divers und unübersichtlich“, erklärt Mirjam Bauer, „in unserem Blog listen wir circa 200 Start-ups, doch deutschlandweit sind es wohl mehr als 1000.“ Es sei kaum möglich, die Anzahl genauer zu beziffern: „Ist ein Start-up bereits ein Zusammenschluss aus zwei, drei Studenten, die im Rahmen eines Programmierwettbewerbs eine Idee vorantreiben, oder erst eine eingetragene OHG?“ Zudem gäbe es ständig Übernahmen, Zusammenschlüsse, Namensänderungen – und auch Insolvenzen.

 

Zumindest Übernahmen durch Pharmagrößen sind dabei jedoch fest einkalkuliert oder werden in vielen Fällen sogar angestrebt. „Das ist die gängigste Exit-Strategie unter medizinischen Start-ups“, erklärt Michael Reiter. Andere Möglichkeiten, Geld zu erwirtschaften, seien die Ausnahme. „In die Regelversorgung zu kommen ist derzeit noch recht schwierig, und Dienste oder Produkte anzubieten, die Bürger selbst kaufen, funktioniert aufgrund der geringen Selbstzahlermentalität in Deutschland kaum.“

 

Doch auch hier gibt es Ausnahmen, wie beispielsweise das Unternehmen Biomes. Es bietet einen Darmflora-Selbsttest für zu Hause an, dessen Ergebnis es umfassend und verständlich aufschlüsselt. Viele Start-ups richten sich indes mit ihren Innovationen auch gezielt an Ärzteschaft und Klinikverwaltungen – etwa Coldplasmatech, das neue Wundauflagen aus kaltem Plasma für chronische Wunden entwickelt hat, oder Smart Reporting, welches mittels Vorlagen und Entscheidungsbäumen das Verfassen ärztlicher Befunde erleichtern will.

„Gründer im Med-Tech-Bereich sind oft betroffene mit Erfahrung im Gesundheitswesen“

Die Fälle zeigen: Medizinische Start-ups entwickeln nicht immer Apps. Oft sind es auch neue Behandlungsmöglichkeiten und technische Innovationen – derzeit vor allem im Bereich der Radiologie. Gleichwohl: „Den meisten medizinischen Start-ups geht es um Prozessverbesserung, Portallösungen, Zeitersparnisse und allgemeine Digitalisierung von Analogem“, sagt Michael Reiter.

Dass der Nährboden für die Start-up-Szene hierzulande mitunter jedoch nicht optimal ist, zeigen viele Abwanderungen in die USA. Vor allem die Phase nach der Anfangsfinanzierung sei für viele Start-ups ein schwieriges Terrain: „Danach wird es schnell schwerer, weil man konkreter seine künftigen Pläne und Geschäftsmodelle darstellen muss und eventuell Studien mitfinanzieren möchte. Ferner ist auch der Weg durch die Regulierungswelt und die Medizinprodukteverordnung oft langwierig, teuer und aufwendig“, erläutert Bauer. Das vielleicht prominenteste Beispiel für Abwanderung aus dem deutschsprachigen Raum ist das Start-up mySugr aus Wien, das ein App-basiertes Tagebuch für Diabetiker auf den Markt gebracht hat – und erst in den USA richtig groß wurde, bevor es für geschätzt 200 Millionen Euro von einem Konzern übernommen wurde.

Auch der Kasseler Arzt Alexander Wolff von Gudenberg hat in den USA gute Erfahrungen gemacht. Er bekam über das German-Accelerator-Programm Unterstützung für eine App auf Basis der Kasseler Stottertherapie (KST), die er zusammen mit Kollegen entwickelte. Er leidet an jener Behinderung, die er nun helfen will, zu therapieren.  „Gründer im Med-Tech-Bereich sind oft Betroffene und erfahrene Menschen aus dem Gesundheitswesen“, sagt Mirjam Bauer.

Als Stotterer fühlten sich für von Gudenberg alltägliche Situationen in Kindheit und Jugend oft wie ein Spießrutenlauf an. Das motivierte ihn letztlich, Medizin zu studieren, sich als Facharzt auf Stottern zu spezialisieren und andere Betroffene mit der selbst entwickelten KST zu therapieren, die mittlerweile von allen Krankenkassen bezahlt wird. „Bis 2013 ein kuwaitischer Bankbeamter eine Fernbehandlung vorschlug – das war die Geburtsstunde der reinen Onlinetherapie-Variante“, erinnert sich von Gudenberg. „Es ist ein tolles Gefühl, jetzt so vielen Menschen helfen zu können.“

Philipp Hauner

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