Positionierung

„Jetzt Weichenstellungen vornehmen!“

Adrian Willig von en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie, sieht keinen Widerspruch zwischen Elektrifizierung und alternativen Kraft- und Brennstoffen. Umso wichtiger seien daher Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, treibhausgasneutrale Fuels im großen Maßstab herzustellen.

„Jetzt Weichenstellungen vornehmen!“

Adrian Willig von en2x – Wirtschaftsverband Fuels und Energie – Foto: © Sebastian Engels

Herr Willig, einmal provokant gefragt: Ist die Mineralölwirtschaft nicht ein Dinosaurier, dessen Zeit vorbei ist?

Willig: Unsere Branche steht ganz klar vor großen Herausforderungen. Teile der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit würden uns wohl am liebsten einfach abschaffen. Dabei wird allerdings ausgeblendet, welch wichtige Rolle die heutige Mineralölwirtschaft derzeit für die Energieversorgung als Energie- und Rohstofflieferant spielt und als neue Energiewirtschaft für das Erreichen der Klimaziele zukünftig spielen kann.

Welche Beiträge kann die Mineralölwirtschaft denn noch leisten?

Willig: Sie könnte künftig die drohenden Lücken in der Versorgung mit erneuerbaren Energien schließen – und zwar durch Produktion und Import großer Mengen hochwertiger CO2-neutraler Energieträger. Das Know-how in der Logistik und für großskalige, technisch anspruchsvolle Projekte für alternative Fuels ist vorhanden. Luftfahrt, Schifffahrt, Teile des Schwerlastverkehrs und der Chemieproduktion könnten so dekarbonisiert werden. Durch den Einsatz alternativer Fuels könnten auch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren zukünftig klimaschonend betankt werden.

Sind alternative Fuels nicht bloß ein Vorwand, um die Verbrennertechnologie am Leben zu erhalten?

Willig: Entscheidend ist das Erreichen der Klimaziele. Mehr direktelektrische Anwendungen und batteriebetriebene Fahrzeuge sind wesentliche Bausteine, um sie zu erreichen. Doch ihr Ausbau allein dürfte nicht reichen.

Warum?

Willig: Es ist unklar, ob künftig genügend erneuerbarer Strom bedarfsgerecht zur Verfügung stehen wird. Heute macht er nur rund zehn Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs in Deutschland aus. Selbst bei ehrgeizigem Ausbau und einer Steigerung der Effizienz droht eine Versorgungslücke bei erneuerbarer Energie. Deutschland wird darum auch über das Jahr 2045 hinaus Energieimportland bleiben. Das hat gerade auch die neue dena-Leitstudie „Aufbruch Klimaneutralität“ gezeigt. Für solche Importe bieten sich neben Wasserstoff alternative flüssige Energieträger an, die ebenso einfach zu speichern und zu transportieren sind wie das heute importierte fossile Rohöl. Diese können dann zu den benötigten Kraft- oder Brennstoffen, aber auch zu den erforderlichen Rohstoffen für die chemische Industrie oder zu Schmierstoffen in Deutschland weiterverarbeitet werden. In bestimmten Bereichen, wie etwa dem Schwerlast-, Flug- und im Schiffsverkehr wird eine Elektrifizierung zudem wohl kaum machbar sein. Für diese Bereiche sind alternative Fuels dringend erforderlich.

Sollten diese Energieträger dann nicht vorrangig dort zum Einsatz kommen? Was für einen Sinn macht ihr Einsatz im Pkw-Verkehr?

Willig: Selbst wenn bis 2030 rund 14 Millionen E-Autos in Form batterieelektrischer Fahrzeuge und Plug-In-Hybriden auf den Straßen hierzulande unterwegs sein werden, dürften dann auch noch mehr als 30 Millionen Pkw mit konventionellem Antrieb fahren. Auch für diese Fahrzeuge sind Optionen für weniger Treibhausgasemissionen erforderlich. Hinzu kommt: Damit alternative Kraftstoffe einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz leisten können, brauchen wir rasch einen Markthochlauf im industriellen Maßstab. So lassen sich bei der Herstellung schnell Skalierungseffekte erzielen, durch die auch die Kosten sinken. Die Einschränkung auf bestimmte Anwendungsbereiche wäre da kontraproduktiv.

Aus regenerativen Quellen lassen sich CO2-neutrale Kraft- und Brennstoffe herstellen. Grafik: en2X

Doch wo soll die Energie für die neuen Kraftstoffe herkommen?

Willig: Alternative Fuels bieten die Möglichkeit, erneuerbare Energie aus Ländern einzuführen, in denen sich diese deutlich leichter als hierzulande gewinnen lässt. Ziel ist ein globaler Power-to-X-Markt, der eine ökonomische Win-win-Situation schafft und den Klimaschutz international voranbringt. Zudem sind fortschrittliche Biofuels bereits heute eine wichtige Lösung, um flüssige Energie zunehmend CO2-neutral einsetzen zu können. Wir benötigen hierzulande deutlich mehr erneuerbare Energie – dazu gehören, neben erneuerbarem Strom, auch Wasserstoff und alternative flüssige Kraft- und Brennstoffe. Umso wichtiger ist es, dass die Politik jetzt die Weichen stellt und schnell angemessene Rahmenbedingungen für den Markthochlauf erneuerbarer Fuels schafft.

Welche Rahmenbedingungen sind das?

Willig: Die derzeitige Besteuerung von Kraftstoffen in Form der bestehenden Energiesteuer ist nicht mehr zeitgemäß, denn sie orientiert sich an der Menge, und nicht an der Klimawirkung. Deswegen gehen von dieser Besteuerung keine ausreichenden Impulse für mehr Klimaschutz aus. Eine künftige Energiebesteuerung sollte das ändern und treibhausgasarme oder -neutrale Kraftstoffe nicht oder deutlich geringer besteuern als fossile Kraftstoffe. Erneuerbare Kraftstoffe würden damit, trotz höherer Produktionskosten, perspektivisch preislich wettbewerbsfähig. Aus diesen Gründen unterstützen wir ausdrücklich den Vorschlag der EU-Kommission für eine grundlegende Reform der EU-Energiesteuerrichtlinie.

Gibt es weitere wichtige Aspekte?

Willig: Die EU-Flottenregulierung für die Fahrzeughersteller berücksichtigt auch in den derzeitigen Entwürfen keine Unterschiede bei den Kraftstoffen. Alternative Kraftstoffe sollten künftig in der EU-Flottenregulierung als Erfüllungsoption anerkannt werden, um alle wesentlichen Klimaschutzoptionen zu nutzen. Auch die Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED sollte zügig umgesetzt werden, sodass Investitionen schnellstmöglich getätigt werden können. Darüber hinaus ist zum Beispiel eine Stärkung geeigneter Ausschreibungsprogramme wie zum Beispiel H2 Global erforderlich, um die notwendigen Investitionen anzureizen.

Könnten alternative Fuels auch im Gebäudebereich zum Klimaschutz beitragen?

Willig: Durchaus. Auch das hat die neue dena-Leitstudie gezeigt. Sie macht deutlich, dass der Ausbau der erneuerbaren Stromerzeugung und die Ausweitung direktelektrischer Anwendungen eben nicht im Gegensatz stehen zum Einsatz alternativer Fuels. Um die Klimaziele zu erreichen, sind selbst bei den aus unserer Sicht sehr optimistischen Annahmen zur Elektrifizierung substanzielle Mengen erneuerbarer flüssiger Kraft- und Brennstoffe erforderlich – auch im Gebäude- und Verkehrssektor. Deutschlandweit gibt es heute mehr als fünf Millionen Gebäude mit einer Ölheizung. Keineswegs jedes dieser Häuser lässt sich ohne weiteres sofort auf eine rein erneuerbare Wärmeversorgung umstellen. Dennoch können auch diese Gebäude die Klimaziele erreichen: schrittweise und unter Beibehaltung eines flüssigen Energieträgers.

Wie und unter welchen Voraussetzungen?

Willig: Möglich ist das zunächst durch den Einbau effizienter Brennwerttechnik und Maßnahmen zur Verbesserung der Gebäudedämmung sowie die Einbindung direkt verfügbarer erneuerbarer Energie – wie zum Beispiel Sonnenenergie durch Hybridtechnik. Dadurch lässt sich der Brennstoffbedarf bereits deutlich senken. Durch den künftigen Einsatz treibhausgasreduzierter oder sogar treibhausgasneutraler flüssiger Brennstoffe können dann auch diese Häuser die Klimaziele erreichen. Erneuerbare Beimischungen biomasse- und strombasierter synthetischer flüssiger Brennstoffe im Heizöl sollten daher zu einer Regel-Erfüllungsoption im Gebäudeenergiegesetz werden. Auch hier ist die künftige Bundesregierung gefragt.

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