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Andrologie

Spezialfall Mann

Dr. Julian Marcon erklärt, welche Bedeutung die Andrologie, die „Männerheilkunde“, hat.

Spezialfall Mann

Dr. Julian Marcon ist Leiter der Andrologie an der Urologischen Klinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Foto: privat

Es ist schon ein wenig verwunderlich: Obwohl es jeden Mann direkt betreffen kann, begegnet einem das Wort Andrologie im täglichen Leben kaum. Und doch ist dieses medizinische Spezialgebiet enorm wichtig. Es beschäftigt sich mit der männlichen Fruchtbarkeit, dem Hormonhaushalt des Mannes, der männlichen Sexualität und den Erkrankungen dieser Funktionsbereiche. Dr. Julian Marcon ist Facharzt für Urologie und leitet seit dem vergangenen Jahr die Andrologie an der Urologischen Klinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Am passendsten sieht er den Begriff Andrologie mit Männerheilkunde übersetzt, da dies den Heilauftrag des Fachgebiets unterstreiche, wie er sagt.

Herr Dr. Marcon, Sie sprechen von Männerheilkunde – wo ist denn dann genau die Abgrenzung zur Urologie?

DR. JULIAN MARCON: Die Urologie umfasst die ganze Lehre des gesamten Urogenitalsystems und dessen Erkrankungen. Dazu zählen Krankheiten der Nieren, der ableitenden Harnwege inklusive Blase und Harnröhre, die natürlich auch Frauen betreffen können. Beim Mann stehen dabei auch krankhafte Prozesse von Penis, Hoden und Prostata im Focus des Urologen. Die Andrologie als Teilbereich der Urologie thematisiert hormonelle, sexuelle und reproduktive Veränderungen bei Männern aller Altersklassen. Darüber hinaus spielen andrologische Themen bei vielen Krankheitsbildern in der Urologie eine wichtige Rolle. Ein Beispiel wäre die Erhaltung der Fruchtbarkeit durch Konservierung von Samenzellen vor einer Chemotherapie beim Hodenkrebs oder die begleitende Therapie sexueller Funktionsstörungen während einer solchen.

Wie verläuft der Ausbildungsweg eines Andrologen, und was hat Sie persönlich gereizt, diese Fachrichtung zu wählen?

In Bayern zum Beispiel müssen dafür als Urologe insgesamt 18 Monate Schwerpunkttätigkeit in einem anerkannten Weiterbildungszentrum für Andrologie bei der Landesärztekammer nachgewiesen werden. Nach bestandener Prüfung kann der Weiterbildungszusatz Androloge oder Andrologin geführt werden. Diese Weiterbildung steht neben den Urologen aber auch den Kollegen der Endokrinologie sowie den Dermatologen offen. Interessant und spannend war für mich die Überschneidung urologischer und andrologischer Themen, verbunden mit der manchmal doch komplexen Materie des Hormonhaushalts, der männlichen Sexualität und der Fortpflanzungsmedizin. Vor allem aber auch die Aufgabe, Menschen mit einem relativ hohen Leidensdruck zu helfen, denen sonst nicht viele Wege und Möglichkeiten offenstehen.

Bislang vergeblicher Kinderwunsch, erektile Dysfunktion oder Varikozele sind nur einige Gründe, einen Andrologen aufzusuchen. Grafik: Adobe Stock

Sie erwähnen den mitunter hohen Leidensdruck bei den Patienten. Wie finden Männer zu Ihnen, und um welche Fragestellungen handelt es sich zumeist?

Die meisten Patienten finden den Weg über den niedergelassenen Urologen zu uns, können sich aber auch direkt an die Uniklinik wenden. Ganz wichtig ist dabei aber auch die Rolle des Hausarztes als interdisziplinären Koordinators, der durch sein Fachwissen beispielsweise die Auswirkungen von Vorerkrankungen, etwa auf Erektionsstörungen, aufzeigen und so den Beginn der Diagnostik und Behandlung steuern kann. Ein Großteil dieser Männer stellt sich aufgrund eines unerfüllten Kinderwunsches bei männlicher Unfruchtbarkeit oder sexueller Funktionsstörungen vor. Diese können Beeinträchtigungen der Erektion umfassen, seltener aber auch Veränderungen des Orgasmusgefühls oder der Ejakulation. Der typische Patient mit unerfülltem Kinderwunsch ist zwischen 25 und 40 Jahre alt und durchläuft bei uns immer zuerst eine Basisdiagnostik mit ausführlicher Betrachtung der Krankengeschichte, körperlicher Untersuchung inklusive Ultraschalldiagnostik, der Blutentnahme zur Hormonbestimmung und einem Spermiogramm. Denn für die Unfruchtbarkeit gibt es eine Vielzahl von Gründen. Hormonelle Funktionsstörungen können eine Rolle spielen, genetische Ursachen, Verletzungen oder Entzündungen von Hoden und Samenwegen oder eine vorausgegangene keimzellschädigende Behandlung wie eine Chemotherapie.

Wie könnte die weitere Behandlung bei Patienten mit unerfülltem Kinderwunsch aussehen?

Dabei ist die Zusammenarbeit mit einem gynäkologisch geführten Kinderwunschzentrum von enormer Wichtigkeit, um geeigneten Paaren eine assistierte Reproduktionsbehandlung anbieten zu können. Sollten keine Spermien im Ejakulat gefunden werden, bleibt als letzte Therapiestufe der Versuch, aus Hodengewebe Spermien zu isolieren. Ein entsprechender operativer Eingriff kann mit oder ohne Anwendung eines entsprechenden OP-Mikroskops durchgeführt werden und setzt die nahtlose Zusammenarbeit mit einem andrologischen Labor voraus. Die meisten Männer kommen übrigens zusammen mit ihrer Partnerin in die Sprechstunde. Das ist ein großer Vorteil, da man somit auch den weiblichen Part gleich gut erfragen kann.

Foto: Adobe Stock

Wie sieht die Therapie bei der erektilen Dysfunktion aus?

Die erektile Dysfunktion kommt in allen Altersstufen vor, wobei Patienten so etwa ab dem 50. Lebensjahr häufiger einen organischen Grund für die Funktionsstörung haben. Oftmals liegen hier Gefäßschädigungen durch Bluthochdruck oder Diabetes vor. Helfen viagra-ähnliche Tabletten – also PDE-5-Hemmer – nicht mehr, können die Anwendung lokaler Substanzen, genauer die Injektion gefäßaktiver Medikamente in den Penisschwellkörper oder im äußersten Fall eine Penisprothese Abhilfe schaffen. Bei jüngeren Patienten steht oft ein gewisser Erwartungsdruck im Vordergrund. Hier ist häufig eine Sexualtherapie mit dem Ziel des Abbaus von Erwartungsängsten zielführend, wobei die kurzfristige Anwendung oraler Präparate zusätzlich unterstützend wirken kann, um bei einer psychogen verursachten Erektionsstörung das sexuelle Selbstbewusstsein wieder zu erlernen.

Spüren Sie eine Hemmschwelle bei Männern, wenn Sie bei Ihnen vorstellig werden?

Die Haltung der Patienten zu ihrem Besuch bei uns ist sehr gemischt. Das hängt auch von den verschiedenen Diagnosen ab. Ein unerfüllter Kinderwunsch kann zum Beispiel einen großen psychischen Druck bei den Paaren verursachen. Die betroffenen Patienten fühlen sich oft hilf- und machtlos in der Situation, suchen aber natürlich nach Hilfe. Etwas anders sieht es bei den Männern mit erektiler Dysfunktion aus, die internen und externen Druck gerne beiseiteschieben. Sie sind oft überzeugt davon, dass nur ein Schalter umgelegt werden müsste, damit die Erektion wieder funktioniert. Generell versuchen wir, mögliche Vorbehalte durch eine gute Aufklärung und die aktive Einbindung der Männer und auch ihrer Partner aus dem Weg zu räumen. Es hilft dabei, dass Probleme klar strukturiert und mit gemeinsam abgeklärten Teilschritten angegangen werden. Viele Patienten fühlen sich durch ihre Situation enorm belastet. Umso größer ist dann aber die Freude, wenn eine therapeutische Maßnahme zum Erfolg führt. Sehr schön zu sehen an unserer großen Pinnwand, an der die Dankeskarten von den Paaren hängen, die gerade Eltern geworden sind – immer auch ein tolles Feedback fürs Team. Bei älteren Patienten im urologischen Alltag ist mitunter eine zurückhaltende, manchmal auch ablehnende Haltung gegenüber andrologischen Problemen zu spüren. Eine Abnahme der sexuellen Funktionen wird von ihnen oft als normale Entwicklung hingenommen, da vorhandene Therapieoptionen unbekannt sind. Dabei ist es aber hilfreich, die Dinge ganz aktiv und offen anzusprechen. Sehr wichtig ist es auch, keinesfalls Symptome zu ignorieren, da Erektionsstörungen beispielsweise auch mit anderen Erkrankungen wie solchen der Gefäße zusammenhängen können.

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Ein weiteres Krankheitsbild in der andrologischen Praxis ist die Varikozele, die Krampfader im Hoden. Wie gefährlich ist sie und was kann oder muss man dagegen tun?

Sie betrifft etwa 15 bis 20 Prozent alle Männer und tritt in der Mehrheit der Fälle auf der linken Seite in unterschiedlichen Ausprägungen auf – mal mehr und mal weniger deutlich sicht- oder tastbar. Eine wichtige Komponente ist, dass der abführende Blutfluss auf der linken Seite senkrecht in die nächste abführende Vene, die Nierenvene, einmündet. Rechts ist das nicht der Fall. Als Folge wird ein Rückfluss körperwarmen Blutes in die Umgebung des Hodens angenommen, der dadurch möglicherweise geschädigt werden kann. Eine Varikozele ist nicht in jedem Fall behandlungsbedürftig, sie kann aber zu Schmerzen führen, zum Beispiel nach längerem Sitzen oder Stehen. Im Jungendalter können ein Minderwachstum und dadurch eine Funktionsstörung des Hodens resultieren, und im späteren Alter kann die Fruchtbarkeit eingeschränkt sein. In diesen Fällen sollte eine operative Behandlung erfolgen.

Eine Frage zur Vasektomie beziehungsweise der Reversion derselben. Ist das tatsächlich möglich und auch seriöse Praxis?

Die Vasektomie ist eine sehr sichere Verhütungsmethode bei der die Samenleiter beidseitig im Hodensack durchtrennt werden. Ein in der Regel komplikationsarmer Eingriff, der ambulant durchgeführt wird. Danach sind zwei Spermiogramme nötig, um das Fehlen von Spermien sicher nachzuweisen. Durch ein Refertilisierungsverfahren, die Vasovasostomie, können die Samenleiter wieder verbunden werden, wenn dies zum Beispiel aufgrund einer neuen Lebenssituation gewünscht werden sollte. Die Erfolgsrate einer solchen Refertilisierung ist abhängig von mehreren Faktoren wie zum Beispiel der Erfahrung des Operateurs oder Vorerkrankungen.

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Eine Idee: Sollte man männliche Jugendliche auf die Andrologie aufmerksam machen, noch bevor sie – oder genau wenn sie – sexuell aktiv werden? Bei Frauen und Mädchen ist der erste Besuch beim Frauenarzt ja eine Selbstverständlichkeit, bei Männern oder Jungs gibt es so was nicht.

Aus meiner Sicht ist eine Aufklärung männlicher Jugendlicher über die Sexualität, die Entwicklung der männlichen Anatomie und der Organfunktionen sehr wünschenswert. Frühzeitig können so Verhütungsmaßnahmen, gut- und bösartige Veränderungen der Geschlechtsorgane oder der Überblick über sexuell übertragbare Krankheiten beleuchtet werden. Themen, die im Alltag häufig stiefmütterlich behandelt werden, obwohl sie für Jugendliche eine große Relevanz haben. Unsere Klinik hat in der Vergangenheit bereits in der andrologischen Aufklärung an Unterrichtseinheiten an einer Mittelschule mitgewirkt, was von den Schülern sehr positiv aufgenommen worden ist.

Wie kann die Lebensweise eines Mannes die Fertilität oder allgemein die Gesundheit der Geschlechtsorgane positiv oder negativ beeinflussen?

Ein gesunder Lebensstil wirkt sich erwiesenermaßen positiv auf die sexuelle Funktion und die Fruchtbarkeit des Mannes aus. Gewichtsoptimierung und regelmäßige körperliche Bewegung sind hier die wichtigsten Aspekte. Ergänzend dazu kann die negative Bedeutung des Tabakkonsums gar nicht genug unterstrichen werden. Rauchen hat einen sehr schädigenden Effekt sowohl auf die Spermienproduktion als auch auf die Gefäßversorgung der Genitalorgane mit möglicher Unfruchtbarkeit oder Erektionsstörungen als Resultat. Durch den anhaltenden Verzicht auf Tabakprodukte kann aber auch wieder eine deutliche Verbesserung dieser negativen Auswirkungen erzielt werden.

Wie sehen die Zukunftstrends in der Andrologie aus – wo geht die Forschung hin?

Die Entwicklung neuer Technologien in der Wissenschaft ist hierbei sehr vielversprechend. Zum Beispiel in der molekularen Diagnostik männlicher Unfruchtbarkeit mithilfe der Daten aus der Genom- und der Stoffwechselforschung. Künftig erhofft man sich, auf Veränderungen entsprechend reagieren zu können. Darüber hinaus gibt es wichtige Studien, die sich mit dem experimentellen Einfrieren von unreifem Hodengewebe und Vorläuferzellen von Spermien beschäftigen. Das betrifft etwa vorpubertäre Jungen, die eine keimschädigende Krebstherapie bekommen und bei denen die Konservierung von reifen Spermien entsprechend noch nicht möglich ist. Möglicherweise lassen sich aber Spermienvorstufen oder Stammzellen mittels der neuen Technologien zur Ausreifung bringen und stehen dann zur assistierten Reproduktion zur Verfügung. Bei der erektilen Dysfunktion sind neue Langzeitdaten zur Stoßwellentherapie abzuwarten, die man ja eigentlich von der Behandlung von Harnsteinen kennt. In niedrigerer Intensität angewendet, könnte sie ein effektives Verfahren zur Therapie von Erektionsstörungen werden. Auch die Regeneration von Gefäßen im Penisschwellkörper mittels Stammzellen wird momentan experimentell untersucht und könnte interessante Erkenntnisse bringen.

Interview: Kai-Uwe Digel

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