Verlagsangebot/Anzeige

Rund 1,3 Millionen Auszubildende bereiten sich aktuell in Deutschland in einem anerkannten Ausbildungsberuf auf ihre Zukunft vor. Doch ihre Zahl sinkt kontinuierlich und zwingt die Unternehmen zu kreativen Lösungen, um die jungen Menschen für sich zu begeistern.

Viele Wege führen ans Ziel

Foto: Fotolia

Die duale Berufsausbildung hat nach wie vor einen hohen Stellenwert in Deutschland. Etwas mehr als die Hälfte ­eines Altersjahrgangs – 2016 lag der Anteil bei 51,7 Prozent – beginnt nach der Schule eine Ausbildung in einem der 326 nach Berufsbildungsgesetz oder Handwerksordnung anerkannten Ausbildungsberufe. Doch von Jahr zu Jahr sinkt die Zahl der Auszubildenden. Es ist kein abrupter Prozess, sondern ein schleichender Wandel. Neben dem demografisch bedingten Rückgang der Zahl der Schulabgänger bereitet auch der Trend zu höheren Schulabschlüssen sowie eine gestiegene Studierneigung den Unternehmen zunehmend Probleme, junge Menschen von einer dualen Berufsausbildung zu überzeugen. Dies stellt mancherorts schon jetzt die Betriebe bei der Sicherung ­ihres Fachkräftenachwuchses vor große Herausforderungen. Das gilt auch für den Stadtwerke-Konzern Saar­brücken, der mit mehr als 1000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Region ist. Im August starteten 18 Auszubildende in technisch-gewerblichen und kaufmännischen Berufen in ihr Berufsleben bei den verschiedenen Konzerngesellschaften. „Wir merken, dass es schwieriger wird und die Zahl der Bewerbungen zurückgeht“, sagt Sandra Hartmann, Leiterin Personalentwicklung und Ausbildung bei den Stadtwerken Saarbrücken. „Es gibt zwar immer noch gute Bewerber, aber während die Ausbildungsplätze zum Industriekaufmann stark gefragt sind, sieht es bei den gewerblich-technischen Berufen weniger gut aus. Auch bei der Ausbildung zum Berufskraftfahrer mit dem Schwerpunkt Personenbeförderung oder bei den IT-Fachkräften wird es zunehmend schwieriger, die passenden Auszubildenden zu finden.“

„Die Betriebe sollten einen Perspektivwechsel vor­nehmen und
sich in die Rolle der Jugendlichen versetzen.“

Grundsätzlich steht den Unternehmen eine Vielzahl an Möglichkeiten zur Verfügung, um potenzielle Auszubildende zu kontaktieren. Sie müssen aber kreativer werden, um sie von sich zu überzeugen. „Die Betriebe sollten ­dafür einen Perspektivwechsel vornehmen und sich in die Rolle der Jugendlichen versetzen. Was ist für sie inte­ressant, was könnte sie an meinem Betrieb interessieren“, empfiehlt Klaus Weber, Leiter des Arbeitsbereichs Grundsatzfragen, Angebote für die Praxis, Berufsorientierung beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). „Es gibt eine Reihe von Wegen, dies zu erreichen. Die sind nicht immer neu, aber haben sich bewährt und passen immer noch, wenn der Betrieb richtig damit umgeht.“ Dazu gehören Berufspraktika für Schüler, bei denen sich Betrieb und Jugendlicher kennenlernen und eventuell aus einem kurzen Hineinschnuppern der Wunsch nach einer Ausbildung entsteht. Kooperationen von Unternehmen mit Schulen sind ebenfalls nicht neu, jedoch kommen sie nun häufiger zum Einsatz. Das bestätigt auch Sandra Hartmann: „Wir veranstalten einen Tag der offenen Tür und gehen verstärkt in die Schulen. Dahinter steht eine veränderte Haltung, denn früher konnten wir warten, bis die Schüler auf uns zukommen, jetzt betrachten wir sie als unsere Kunden, auf die wir zugehen müssen. Obwohl jeder die Leistungen der Stadtwerke kennt und in Anspruch nimmt, beachten ­viele Jugendliche nicht, dass dahinter auch interessante Be­rufe stehen.“ 

                      

Das eigene Unternehmen als Marke und attraktiven Arbeitgeber darzustellen, wird im Rahmen des Employer Branding zunehmend wichtig. Die Jenoptik AG in Jena nutzt dazu standortspezifische Maßnahmen wie die Teilnahme an Job- und Azubimessen oder an branchenspezifischen Veranstaltungen wie dem Silicon ­Saxony Day in Dresden. „Wir setzen zudem auf das Sponsoring von Events wie dem MINT-Festival in Jena, dem Tag der Ausbildung im Jenaer Bildungszentrum oder dem Landeswettbewerb ‚Jugend forscht‘ in Thüringen“, ­sagt ­Cornelia Ehrler, Sprecherin bei Jenoptik. „Aber auch Social-Media-Kommunikation und -Anzeigen gewinnen an Bedeutung, weil man die Jugendlichen eben besser ­über ­diese Kanäle erreicht.“ Witzig gemacht, können beispiels­weise Videos auch mal viral im Netz verbreitet werden. So suchte und fand eine Glaserei aus Cuxhaven Anfang 2018 ihren ­Azubi tatsächlich über ein auf Facebook und ­YouTube verbreitetes Video. Der kurze Film „Glaser sucht Azubi“ ­wurde fast zwei Millionen Mal aufgerufen. Auch die eigene Homepage kann dafür genutzt werden. Die ­Stadtwerke Saar­brücken werben dort mit pfiffigen Slogans wie „Ich sorge für die Power in der Stadt“ für die Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik oder mit „Ich habe ­jeden Tag 360 PS unterm Hintern“ um angehende Berufs­kraftfahrer.

 

Eine weitere Strategie für Unternehmen besteht ­darin, den Kreis der Bewerber-Zielgruppen zu erweitern. „Es lohnt sich für Betriebe, Jugendliche mit schlechteren Startchancen in den Blick zu nehmen. Für diese Unternehmen gibt es Unterstützungsangebote, in erster Linie die ­flächendeckend angebotenen Instrumente des SGB wie ‚ausbildungsbegleitende Hilfen‘, ‚Assistierte Aus­bildung‘ oder ‚begleitete betriebliche Ausbildung‘, bei denen auch Betriebe unterstützt werden. Darüber ­hinaus ­existieren Programme zur ergänzenden Unterstützung“, erläutert Klaus Weber. „Für Unternehmen mit einem breiten Kundenkreis lohnt sich auch der Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund. Jugendliche können Sprachkenntnisse und interkulturelle Erfahrungen mitbringen, von ­denen auch die Unternehmen durch die Erschließung neuer oder Bedienung bisheriger Kundenkreise profitieren können.“ Junge Mütter und Väter sind eine ­weitere ­Gruppe, die bei der Azubi-Suche leicht durchs Raster fällt. Laut Berufsbildungsbericht besuchen fast die Hälfte aller Mütter und ein Drittel aller Väter zwischen 16 und 24 Jahren keine Schule und absolvierten keine Ausbildung. ­„Öffnet sich ein Betrieb für junge Eltern, macht er sich durch die gelebte Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum ­attraktiven Arbeitgeber“, ergänzt Klaus Weber.

 

Einen ganz besonderen Weg bei der Gewinnung von Auszubildenden geht man in Aachen mit dem vom städtischen Fachbereich Wirtschaft, Wissenschaft und Europa der Stadt initiierten und gemeinsam mit regionalen Partnern entwickelten Projekt switch. Switch startete 2011 mit dem Ziel, Studienabbrecher aus MINT-Fächern in eine verkürzte Berufsausbildung in eines der vielen klein- und mittelständischen Unternehmen der IT-Branche zu vermitteln. Aachen ist bundesweit als Wissenschaftsstadt und Technologieregion bekannt, aktuell zählen die Aachener Hochschulen etwa 54 000 Studie­rende. Allerdings brechen gemäß den Untersuchungen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung durchschnittlich 28 Prozent aller Bachelorstudierenden das Studium ab. In Aachen liegt die Zahl aufgrund der starken technischen Ausrichtung der Hochschulen in den Fächern Informatik, Elektrotechnik oder Maschinenbau sogar bei rund 50 Prozent. Das heißt, ­jedes Jahr verlassen etwa 3500 Studierende die Hoch­schulen ohne Abschluss. Ein enormes ­Potenzial, das mit switch für die Unternehmen erschlossen wird. Aus dem Kleinprojekt ist längst eine Full-Service-Agentur geworden, die Studien­abbrecher aus allen Fachbereichen in ­diverse Berufsbilder vermittelt. Switch hat in Deutschland Dutzende von Nachahmerprojekten angeregt und gilt bundes­weit als erfolgreichstes Projekt für Studienabbrecher: Mehr als 380 Studienabbrecher in der Region Aachen konnten bisher in eine duale Berufsausbildung vermittelt werden. Deshalb wird das Projekt seit Februar 2018 als switch 2.0 über das beim BIBB verankerte Ausbildungsstrukturprogramm ­„Jobstarter“ plus durch Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und den Europäischen Sozialfonds drei Jahre lang gefördert.

Jacob Neuhauser


Zahl der abgänger/-innen und absolventen/-innen
aus allgeminbildenden Schulen 2016

Anzeige

Anzeige