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Sind Duale Studiengänge nur für bestimmte Fachbereiche und eine eher kleine Zielgruppe geeignet? Sind klassische Vollzeitstudiengänge oft immer noch zu praxisfern? Lesen Sie das Pro und Kontra zum Dualen Studium.

Lernen für die Wirtschaft?

Pro

Es ist paradox: Während Unternehmen immer häufiger ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen können, streben jährlich rund 40 Prozent mehr Erstsemester an die Hochschulen als vor zehn Jahren. Insgesamt ist die vergebliche Suche nach qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für fast zwei Drittel der Unternehmen das größte wirtschaftliche Risiko. Mit diesen Trends wächst die Verantwortung der Hochschulen, mit ihren Bildungsangeboten einen nachhaltigen Beitrag zur Fachkräftesicherung der Wirtschaft zu leisten. Denn schließlich arbeitet das Gros der Absolventen später außerhalb des Wissenschaftsbetriebs. Das nimmt die Hochschulen in die Pflicht, die Studierenden bestmöglich auf den Übergang ins Arbeitsleben sowie die Anforderungen einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt vorzubereiten. 

 

Während klassische Vollzeitstudiengänge oft immer noch zu praxisfern sind, haben sich duale Studiengänge an der Schnittstelle von beruflicher und akademischer Bildung als attraktives Mittel der Fachkräftesicherung etabliert. Deren Vorteile liegen auf der Hand: Unternehmen können damit gezielt Mitarbeiter mit den dringend benötigten, praxisnahen Qualifikationen gewinnen – und all jene Schulabgänger ansprechen, die studieren wollen und ebenso interessiert sind, eine praktische Ausbildung zu absolvieren. Häufig gelingt es den Unternehmen zudem, die jungen Leute nach dem Abschluss dauerhaft an sich zu binden.

 

Die hohe Relevanz dualer Studiengänge für die Fachkräftesicherung drückt sich auch darin aus, dass hier mittlerweile rund 48 000 Unternehmen als Kooperationspartner aktiv sind. Dabei liegt das besondere Augenmerk der Wirtschaft auf der Qualität der Praxisphasen, denn diese leisten einen wichtigen Beitrag zum Erfolg des ­Studiums und zur Vorbereitung der angehenden Absolventen auf ihre weitere berufliche Tätigkeit. Daher ist es für die Weiterentwicklung dualer Studiengänge wichtig, dass die Praxisphasen ­klare Standards erfüllen und somit ein vernünftiges Qualitätsniveau gewährleistet ist – trotz vieler guter ­Beispiele gibt es hier nach wie vor Heraus­forderungen. 

 

Genauso gelingt es manchem, gerade neuen Anbieter dualer Studiengänge bisher noch nicht, die Praxisphasen ausreichend ein Ge­samtkonzept einzubinden. Der Mehr­wert solcher Modelle besteht aber ja genau in der sinnvollen Verzahnung von theoretischem Lernen und praktischer Erfahrung. Leider gibt es auch Angebote mit der Bezeichnung „dual“, die nicht viel mehr sind als ein Nebeneinander von Studium und Ausbildung beziehungsweise Prak­tika. Um hier mehr Transparenz zu schaffen, sollte die Bezeich­nung „duales Studium“ zukünftig nur für Formate angewendet werden, bei denen die Bestandteile gut miteinander verzahnt sind. Denn nur so wird die zentrale Erwartung von Unternehmen und Studierenden eingelöst: Eine möglichst arbeitsmarktnahe Qualifizierung in Theorie und Praxis!

Dr. Eric Schweitzer ist seit März 2013 ehrenamtlich tätiger Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Von 2004 bis 2016 war er Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Berlin. Eric Schweitzer führt zusammen mit seinem Bruder Axel Schweitzer das Berliner Recyclingunternehmen Alba Group.

Kontra

Studienprogramme unterscheiden sich neben vielem anderem hinsichtlich ihrer Theorie- und Praxisanteile. Immer aber hat hochschulische Bildung vier Dimensionen: Fachwissenschaft, Persönlichkeitsbildung, Arbeitsmarktvorbereitung und Befähigung zum gesellschaftlichen Engagement. Das haben die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, der Deutsche Gewerkschaftsbund und die Hochschulrektorenkonferenz erst vor zwei Jahren in einer gemeinsamen Erklärung zum Thema Beschäftigungsfähigkeit noch einmal ausdrücklich festgehalten.

 

Die Sorgen über den Mangel an Auszubildenden, insbesondere im Handwerk, sind nachvollziehbar. Es gilt zweifellos, nicht nur das duale System, sondern das gesamte Bildungssystem auf seine Zukunfts­fähigkeit hin abzuklopfen. Aber es ist ein Kurzschluss, die duale Ausbildung in die Hochschulen verlagern zu wollen.

 

Es geht vor allem anderen um gesellschaftliche Verantwortung, wenn sich die Hochschulen einer solchen Verlagerung verweigern. Die fordert unabdingbar, an allen vier Dimensionen des Studiums festzuhalten. Denn Akademikerinnen und Akademikern müssen komplexe Pro­blemlagen und unerwartete Situationen meistern können. Mehr denn je müssen wir sie darauf vorbereiten, im gesellschaftlichen Diskurs verantwortungsbewusst Positionen zu entwickeln und Haltung zu zeigen. Wir bilden künftige Führungskräfte der mittleren und höheren Ebene aus, die die weiteren Entwicklungen in Deutschland und darüber hinaus entscheidend prägen werden. Uns muss daher eher beschäftigen, wie wir diese Fähigkeiten noch besser fördern können, als Hochschulbildung passgenau auf eng gefasste Bedarfe einzelner Wirtschaftsbereiche zuzuschneiden. Die Vorbereitung auf konkrete Abläufe muss in den Betrieben geleistet werden.

 

Dass die Hochschulen ihre Studienangebote keineswegs am Bedarf der Wirtschaft vorbei entwickeln, zeigt die niedrige Akademikerarbeitslosigkeit.

 

Duale Studiengänge, also die Verzahnung eines Studiums mit einer beruflichen Ausbildung und Studiengänge mit bedeutenden Praxisanteilen, können interessante Elemente unserer Bildungslandschaft sein. Sie sind allerdings nur für bestimmte Fachbereiche und eine eher ­kleine Zielgruppe geeignet. Das Arbeitspensum ist enorm und der Alltag der Studierenden sehr verschult, so dass kaum Zeit besteht, in Wahlfächern eigene Schwerpunkte zu setzen oder durch forschendes Lernen erste Forschungserfahrungen zu machen. Diese Studienformen sind also gewiss kein Königsweg.

 

Wir sollten vielmehr gemeinsam an der Entwicklung des Miteinanders von beruflicher und hochschulischer Bildung arbeiten, etwa an genügend Übergängen zwischen den Qualifizierungssystemen. Talente entwickeln, individuelle Biografien ermöglichen, Trans­parenz über die ganze Bandbreite der Bildungsangebote und Karrierechancen schaffen, das sind unsere gemeinsamen Aufgaben.

Professor Dr. Peter-André Alt ist seit 1. August 2018 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Zuvor war der Philologe und Literaturwissenschaftler Präsident der Freien Universität Berlin und Sprecher der Landesrektorenkonferenz Berlin.

Fotos: DIHK; HRK

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