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Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verbänden diskutierten über notwendige Veränderungen sowie die Chancen der heutigen Auszubildenden und dual Studierenden.

Gute Ausbildung ist gefragter denn je

Fotos: The Point of View Photography

Der Blick auf das Alpenpanorama aus dem 26. Stockwerk des Süddeutschen Verlages in München, wo sich am 18. Sep­tember hochrangige Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Wirtschaftsverbänden versammelten, wurde an diesem Abend durch ein aufziehendes Gewitter getrübt. Und sinnbildlich ballt sich auch etwas über dem ­dualen Ausbildungssystem in Deutschland zusammen, denn sinkende Geburtenziffern und zunehmende Akademisierung sorgen in manchen Branchen und Betrieben schon jetzt für einen deutlichen Rückgang an Auszubildenden, der sich bald in einem Fachkräftemangel niederschlagen dürfte. Umgekehrt steigt die Zahl der Studie­renden, die sich für ein duales Studium und damit die engere Verzahnung von Theorie und Praxis entscheiden. Angesichts einer Vielzahl von Studiengängen stellt sich ­jedoch die Frage, ob die immer größere Spezialisierung wirklich sinnvoll ist. Vor diesem Hintergrund diskutierten auf Einladung des Verlags der Süddeutschen Zeitung die acht Teilnehmer, die allesamt duale Ausbildung oder ­duale Studiengänge anbieten oder organisieren, rund zwei Stunden über die Zukunft der beiden dualen Bildungswege.

 

Thomas Öchsner und Felicitas Wilke von der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung moderierten den Runden Tisch zum Thema „Quo vadis, duale Ausbildungswege?“ Auf den folgenden Seiten können Sie, leicht gekürzt, die angeregte Diskussion über die Chancen und Risiken dualer Bildung sowie die Herausforderungen für Unternehmen und Hochschulen verfolgen.

 

Herr Peteranderl, Sie wissen als Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern sowie des Bayerischen Handwerkstages aus erster Hand, dass viele Betriebe vergeblich Auszubildende suchen. Hat die duale Ausbildung an Attraktivität verloren?

Franz Xaver Peteranderl — Nein, denn die duale Ausbildung ist auch heute noch das beste Fundament für Jugendliche. Ich habe zwar selbst keine Lehre gemacht, aber bis zur Aufnahme meines Ingenieurstudiums sehr viel praktische Erfahrung auf den Baustellen des elterlichen Unternehmens gesammelt. Das hat mir im Studium sehr geholfen. Studierende müssen sich vor Aufnahme des Studiums ­fragen, wo sie später arbeiten möchten und wie die Unternehmen von ihrem Wissen profitieren können. Diese Frage erübrigt sich für die allermeisten Auszubildenden, denn die duale Ausbildung erfolgt nach bundesweit einheit­lichen Vorgaben und bereitet sie sehr gut auf den Arbeitsmarkt vor.

„Studierende müssen sich vor Aufnahme des Studiums fragen, wo sie später arbeiten möchten und wie die Unternehmen von ihrem Wissen profitieren können.“

Herr Lendner, die Landeshauptstadt München ist mit mehr als 38 000 Mitarbeitern der größte kommunale Arbeitgeber in Bayern. Als Leiter der Ausbildung haben Sie im Vorfeld des Runden Tisches die viel zitierte Krise der dualen Ausbildung angesprochen. Steckt die duale Ausbildung wirklich in der Krise?

Alexander Lendner — Der Begriff Krise taucht vor allem dann auf, wenn man auf die Zahl der Auszubildenden schaut. Allerdings ergibt sich aus den Daten ein differenziertes Bild, denn während im Gastronomiebereich beispielsweise händeringend Auszubildende gesucht werden, gibt es bei den Kfz-Mechatronikern mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Von einer allgemeinen Krise des dualen Ausbildungssystems kann man daher nicht sprechen, aber die Tendenz geht ganz klar zu höheren Abschlüssen. Von daher sehe ich die Gefahr, dass die duale Ausbildung ins Hintertreffen geraten könnte. Deshalb ist es sinnvoll, sich heute darüber Gedanken zu machen, wie man sie besser und attraktiver gestalten kann.

Herr Gößl, für wie wichtig erachten Sie als stell­vertretender Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern die duale Ausbildung für die bayerische Wirtschaft?

Manfred Gößl — Die duale Ausbildung spielt für den Erfolg der bayerischen Wirtschaft eine zentrale Rolle. Sie ist der Hauptgrund für den wirtschaftlichen Vorsprung Deutschlands. Dass wir in zahlreichen Rankings Spitzenplätze einnehmen liegt vor allem an der dualen Ausbildung, denn bei der akademischen Bildung und den Top-Universitäten sind andere Länder besser. Deutschlands Wettbewerbsvorteil besteht in seinen Fachkräften, und wir haben mit der dualen Ausbildung ein Weltklassesystem, um das uns andere Länder beneiden. Nur in Österreich und in der Schweiz gibt es Vergleichbares, in anderen Ländern gibt es entweder Ungelernte oder Akademiker. Das große Fachkräftepotenzial trägt nicht nur den Erfolg in Handel und Dienstleistungen, sondern auch die Verwaltung profitiert ganz enorm von der eigenen Ausbildung des Nachwuchses. Deshalb möchte ich jungen Menschen zurufen, dass wir mehr Meister und beruflich Qualifizierte benötigen. Internationale Delegationen schauen sich immer wieder unser Ausbildungssystem an und sind erstaunt, wie gut es organisiert ist, obwohl so viele Partner daran beteiligt sind. Weil in vielen Ländern die Voraussetzungen fehlen, scheitern sie daran, es selbst umzusetzen. Das beginnt schon damit, den Unternehmen zu vermitteln, dass die Ausbildung junger Menschen nicht umsonst zu haben ist, sondern eine Investition in die Zukunft darstellt.

 

In der Diskussion wurde die Sorge um den praktisch ausgebildeten Nachwuchs deutlich. Viele — zu viele? — junge Leute wollten lieber studieren, hieß es. Dabei kann man doch das eine tun, ohne das andere zu lassen. 

„Die duale Ausbildung ist der Hauptgrund für den wirtschaftlichen Vorsprung Deutschlands.“

Herr Hollatz, Sie sind Leiter der Berufsbildung und der bayerischen Ausbildungszentren der Siemens AG, die insgesamt 9000 Auszubildende und dual Studierende beschäftigt. Wie lassen sich die Veränderungen durch die Digitalisierung in die dualen Bildungswege integrieren?

Jürgen Hollatz — Wir haben uns schon vor einiger Zeit Gedanken darüber gemacht, ob wir die passenden Inhalte für eine moderne Arbeitswelt vermitteln und die Anforde­rungen von Industrie 4.0 in einem strukturierten Prozess untersucht. So haben wir die Veränderungen, die die Digitali­sierung mit sich bringt, zeitnah in die Berufsbilder eingefügt und auch die Ausbildungszentren entsprechend ausgestattet, beispielsweise mit 3D-Druckern. Da sich die technische Entwicklung in Zukunft noch beschleunigen wird, sind agile Anpassungsprozesse notwendig. Neue Ausbildungsberufe sind dafür nicht unbedingt nötig, denn deren Einrichtung benötigt Zeit und bis man diese implementiert hat, sind Inhalte oft schon wieder veraltet. Es ist einfacher, spezifische Anpassungen, vor allem in den Unternehmen, individuell vorzunehmen

„Ein duales Studium kann auch für zu hohe
Erwartungen beim Einstieg in die Arbeit sorgen.“

Herr Boos, Sie sind der wissenschaftliche Leiter von hochschule dual und Professor für BWL an der Hochschule Hof und können das Studienan­gebot sehr gut beurteilen. Ist das duale Studium 

gut organisiert?

Franz Boos — Ja, in Bayern existiert hochschule dual als eine zentrale Einrichtung und zugleich Dachmarke, die allgemeingültige Qualitätsstandards und Organisationsricht­linien für das duale Studium an den bayerischen Hochschulen definiert. Wir arbeiten mit den Kammern der Wirtschaft zusammen, die grundlegenden Dinge aus der dualen Ausbildung sind auch im dualen Studium Standard. In Bayern existieren zwei Modelle, das Studium mit vertiefter Praxis und das Verbundstudium. Darüber hinaus kann das duale Studium flexibel an den Hochschulen in Bayern gestaltet werden. Das beliebteste Modell ist das ausbildungsinte­grierende Verbundstudium, die Kombination aus Studium und Lehre. Rund zwei Drittel aller bayerischen Studierenden entscheiden sich dafür, hier generieren die praktische Arbeit und das Studium für die Studierenden einen echten Mehrwert. Anders als beim baden-württembergischen Modell, wo die Kammern weniger einbezogen werden, ­arbeitet hochschule dual eng mit der IHK und der HWK zusammen, weshalb die Abstimmung zwischen dualer Ausbildung und dualem Studium sehr gut ist. Gemeinsam erreichen wir in Bayern ein flächendeckendes Angebot auch in den Regionen.

 

Herr Berg, Sie haben vor Ihrem Studium eine Berufsausbildung absolviert. Welche Erfahrungen haben Sie mit der heute möglichen Parallelität von Lehre und Studium an der Technischen Hochschule Deggendorf gesammelt?

Waldemar Berg — In Deggendorf studieren rund 750 junge Menschen dual, das sind gut zehn Prozent aller „Dualis“, wie die dual Studierenden auch genannt werden. Mir fällt vor allem die sehr geringe Abbruchquote auf, was vor allem an der stärkeren Verzahnung der beiden Lernorte Betrieb und duale Hochschule liegt. Die Studierenden tragen ihr Wissen in die Betriebe, was dazu führt, dass die Betriebe mehr dieser Studienplätze anfordern, was aber erst organisiert werden muss. Daher kommt es auch vor, dass junge Menschen, die dual studieren möchten, frei gebliebene Ausbildungsplätze belegen. Dabei hat sich gezeigt, dass gerade diejenigen Studierenden später Stipendien erhalten, die vorher eine duale Ausbildung oder ein duales Studium absolviert haben. Die besten Studenten sind diejenigen, die praktische Erfahrung haben. Deshalb treiben wir das duale Studium in Niederbayern weiter voran.

„Bis man neue Ausbildungsberufe implementiert hat,
sind die Inhalte oft schon wieder veraltet.“

Frau Ehrenberger, Sie sind promovierte Chemikerin und waren zuletzt an der TU München, jetzt sind sie Präsidentin der privaten Hochschule der Bayerischen Wirtschaft. Was ist der Unterschied zwischen einer privaten und einer staatlichen dualen Hochschule?

Evelyn Ehrenberger — Zunächst einmal möchte ich den ­Begriff erweitern, denn wir sind eine private, staatlich anerkannte Hochschule. Und es geht uns nicht grundsätzlich ­darum, etwas anders zu machen, sondern neue Ansätze auszuprobieren. Beispielsweise legen wir ein Augenmerk auf bessere Verzahnung der Lernorte Betrieb und Hochschule. Wenn wir neue Studiengänge wie beispielsweise „Business Intelligence“ entwickeln, dann binden wir die Unternehmen frühzeitig ein, achten aber auch darauf, dass die wissenschaftlichen Grundlagen gewahrt bleiben. Der Vorteil gegenüber staatlichen Hochschulen sind unsere kleinen Gruppen. Insgesamt sind unsere dual Studierenden sehr leistungsfähig und profitieren von dem an der HDBW möglichen engeren Austausch mit den Profes­soren. Unser Fokus liegt darauf, dass die Studierenden sich frühzeitig ­fragen, wer ihr Arbeitgeber sein könnte und wie sie sich gut auf eine spätere Tätigkeit dort vorbereiten. Allerdings hüten wir uns davor, die Studiengänge zu kleinteilig zu gestalten.

 

Manfred Gößl — Gut so, denn in der dualen Ausbildung wird seit Jahren gefordert, die Zahl der Ausbildungsberufe zu reduzieren. 1970 waren es in der Spitze 600 verschiedene Ausbildungsberufe, 2018 liegen wir bei 326. Bei den Studien­gängen ist die Zahl dagegen in wenigen Jahren von 11 000 auf 18 500 gestiegen. Um heute einen neuen Ausbildungsberuf einzurichten, sollen mindestens 5000 Auszubil­dende erreicht werden, sonst lohnt sich der Aufwand nicht. Deshalb stellen wir uns dort lieber etwas breiter auf. Vor diesem Hintergrund stellt man sich schon die Frage, worum die Entwicklung zu immer mehr und immer spezifischeren Studiengängen so rasant voranschreitet.

                         

Frau Diefenthal, Sie sind Geschäftsführerin und Arbeitsdirektorin der Städtisches Klinikum München GmbH mit fünf Krankenhäusern. Sie setzen auf duale Studierende in Pflegeberufen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Susanne Diefenthal — Wir sind einer der ersten Betriebe, die in Deutschland ein duales Studium im Pflegebereich anbieten. Die Pflege arbeitet auf Augenhöhe mit den Ärzten, und deshalb ist die Akademisierung genauso sinnvoll wie ein dauerhaftes Fort- und Weiterbildungsangebot im Beruf. Beides bietet unsere Akademie für die Pflegekräfte an. Da das Pflegestudium in Deutschland vergleichsweise in den Kinderschuhen steckt, müssen wir noch einige Themen lösen. So sind wir gerade dabei, auch die passenden Berufs­bilder für die Absolventen und künftige Generationen in unseren Kliniken zu schaffen. Das duale Studium macht daher Sinn, um Lernen und Entwickeln von Pflegeberufen in Übereinstimmung mit dem Pflegealltag zu verbessern. Wir machen intern viel, um die eigentlichen Pflegekräfte von organisatorischen Dingen zu entlasten, damit sie sich um die zu Pflegenden kümmern können. Auch hier sehe ich Aufgaben für die Absolventen dualer Studiengänge in der Pflege. 

Einig waren sich die Diskutanten darin, dass dual Studierende das Wissen der Betriebe bereichern. Kein Wunder daher, dass die Unternehmen mehr duale Studienplätze fordern. 

„Das Netz an dualer Ausbildung muss enger werden,
um die jungen Leute überall abzuholen.“

Die Akademisierung könnte einerseits die Pflege attraktiver machen, andererseits könnten zu viele duale Studierende in diesem Bereich auch neue Probleme schaffen, oder?

Susanne Diefenthal — Zunächst einmal freuen wir uns über jede zusätzliche Pflegekraft, die das System so dringend braucht. Am Ende sind sowohl klassisch ausgebildete Fachkräfte als auch die Studienabgänger spezialisiert. In der Pflege werden laufend neue Standards entwickelt, wobei Forschungsergebnisse analysiert und durch Pflegeexperten in die Krankenhäuser gebracht werden. Etwa indem Pflege­kräfte entsprechend aus- und weitergebildet werden.

 

Franz Boos — Die Debatte um die Akademisierung der ­Pflege ist ein Thema für sich. Im Kontext dualer Bildungswege stellt die Pflege mit ihrer engen Verzahnung zwischen der Pflegepraxis „am Bett“ und der Theorievermittlung in Hörsaal und Klassenzimmer ein gelungenes Beispiel dar. Die konfessionellen und staatlichen Hochschulen bieten hoch attraktive duale Studienangebote im Bereich der Pflege.

 

Alexander Lendner — Der Trend geht zur zunehmenden Akademisierung von Berufsbildern. Ein duales Studium kann auch für zu hohe Erwartungen beim Einstieg in die Arbeit sorgen. Aufgrund des Fachkräftemangels besteht die Gefahr, dass Bachelor-Studenten künftig Jobs, für die früher eine duale Ausbildung genügte, übernehmen müssen. Durch dieses „Downgrading“ ist die Unzufrieden­heit programmiert.

 

Die Pflege fährt auf doppelter Spur: Neben der dualen Ausbildung gibt es das duale Studium. Beides ist nötig, um die steigenden Anforderungen einer älter werdenden Gesellschaft zu meistern.

Waldemar Berg — Gerade im ländlichen Raum, wo wir eine stark mittelständische Prägung der Unternehmen haben, ist die Angst, dass jemand, der im Job ist, dann irgendwann sagt, ich will studieren, ein sehr virulentes Thema. Deshalb versuchen wir, die Azubis durch Studienmodule in den Unternehmen und in der Region zu halten. Das Netz an dualer Ausbildung muss enger werden, um die jungen Leute überall abzuholen. In meiner Lehrzeit waren wir fünf Auszubildende in einem Betrieb, von denen einer blieb und vier zum Studium abwanderten. Hier könnten durch frühzeitige Weiterbildung in den Betrieben Perspektiven zum Verbleib geschaffen werden. 

 

Die Vielzahl von Studienfächern bringt auch einige Orchideenfächer mit, vor denen man Studierende eigentlich nur warnen kann. Ist hier der Gesetzgeber gefordert, die Zahl der Studienfächer zu beschneiden?

Evelyn Ehrenberger — Ich kann Studierende nur davor ­warnen, sich zu stark zu spezialisieren. Gerade der starke Praxisbezug in den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften bietet da einen gewissen Schutz. Ich sehe aber schon auch die Studierenden in der Pflicht, sich über die Studieninhalte zu informieren und zu hinterfragen, ­welche Möglichkeiten sich ihnen nach dem Abschluss des Studiums bieten.

„Es gibt weniger Schulabgänger, weniger Bewerber
und mehr Abbrecher. Dabei wird jeder von uns irgendwann auf Pflege angewiesen sein.“

Um die Digitalisierung zu meistern, setzen fast alle Personalverantwortlichen auf Kommunikation und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Diese müssten wissen, so die übereinstimmende Meinung in der Diskussionsrunde, was in der neuen Arbeitswelt von ihnen erwartet wird.

Franz Boos — Ich glaube, das bayerische Wissenschafts­ministerium achtet darauf, dass die Anzahl der Studiengänge nicht zu sehr steigt. Man sieht dort die Vielzahl der exotischen Studiengänge eher kritisch. Im Übrigen kann ich Ihnen nur recht geben, man muss die Eltern warnen vor Exotenfächern, das ist gar keine Frage. Aber ich möchte das Thema zurück auf das duale Studium führen. Wenn wir das Verbundstudium, also Ausbildung und Lehre, anschauen, da ist es fokussiert, da haben wir doch überall die Klassiker. Es sind vor allem die Kombinationen wie Industriekauffrau und Betriebswirtschaft, Mechatroniker-Ausbildung und Maschinenbaustudium, die von unseren Studierenden und Unternehmenspartnern gewählt werden. Gerade das Verbundstudium ist doppelt dual und akademisch generalistisch. Die Absolventen der bayerischen Hochschulen sind sehr gut vermittelbar.

 

Waldemar Berg — Das Problem mit der sehr starken Auf­splitterung der Studiengänge hat seinen Ursprung im Bologna-Prozess. Wo man früher BWL mit vier Schwerpunktfächern studierte, hat man heute vier verschiedene Studiengänge. 

 

Jürgen Hollatz — Als Unternehmen benötigen wir stets aktuelle Studieninhalte, aber keine Spezialisierung in Studiengangsbezeichnungen. Wir brauchen vielmehr eine bessere und koordinierte Berufsorientierung. An den Mittel- und Real­schulen sind die Schüler im Allgemeinen gut informiert, aber an den Gymnasien vermisse ich oft noch die Breite des Orientierungsangebotes. Dort müsste meines Erachtens angesetzt werden, um den Abiturienten auch die vielen Möglichkeiten der Alternativen zum Studium zu zeigen.

 

Franz Xaver Peteranderl — Wir fordern seit langem, auch an den Gymnasien eine Berufsorientierung anzubieten. Das duale Studium hätte dann sicher mehr Zulauf. Da tut sich aber etwas, es gibt mittlerweile Koordinatoren für Berufliche Orientierung an jedem bayerischen Gymnasium. Man muss den Eltern klarmachen, dass das Studium nicht der Königsweg für ihr Kind ist. Und auch die Gymnasiallehrer sollten wissen, dass ihre Arbeit nicht entwertet wird, wenn sich ein Abiturient für eine duale Ausbildung entscheidet, anstatt gleich zu studieren. Gerade einmal zehn Prozent aller Azubis im bayerischen Handwerk haben die Hochschulreife. Deshalb sollte man den jungen Gymnasiasten verdeutlichen, dass ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt umso besser werden, je breiter sie ausgebildet sind. Als ich studiert habe, gab es ein Ingenieurstudium, und die Spezialisierung folgte anschließend im Unternehmen. Heute erfolgt sie bereits an den Hochschulen, obwohl man dort nicht immer genau weiß, welche ­Qualifikationen in der Wirtschaft gerade gefragt sind. Im Handwerk gibt es 130 Ausbildungsberufe, deren Inhalte stets an die tech­nische Entwicklung angepasst werden müssen. Während im Hochschulbereich Milliarden ausgegeben werden, wurde bei den Aus- und Weiterbildungseinrichtungen für die berufliche Bildung lange gespart. Nun werden diese finanziell besser gefördert. Das ist wichtig, um eine Ausbildung auf dem neuesten Stand der Technik zu gewährleisten. Gesellschaftlich brauchen wir dringend ein Umdenken: Wir müssen praktische Arbeit wieder mehr wertschätzen. Akademische und duale Bildung sind absolut gleichwertig.

 

„Als Gesellschaft müssen wir uns an die eigene Nase fassen und fragen, ob die jungen Menschen wirklich
gut aufs Studium vor­bereiten werden.“

Wie sieht es eigentlich konkret aus, wenn sich­ die angehenden Auszubildenden in den Betrieben vorstellen? Vor welchen Herausforderungen sehen Sie sich gestellt?

Alexander Lendner — Ich sitze hin und wieder noch in Bewerbungsrunden und stelle fest, dass einige angehende Auszubildende sehr gut informiert sind, andere dagegen nur sehr vage Vorstellungen haben. Zudem sollten Lehrer an den Mittel- und Realschulen besser über moderne ­Bewerbungsverfahren informieren, denn 70 Prozent der Unternehmen haben heute bereits digitale Bewerbungsprozesse. Ein anderes Problem sehe ich in der mangelnden Ausbildungsreife. Es fehlt einigen jungen Menschen an grundlegenden Fähigkeiten wie Ausdauer, Disziplin, kommunikativen Fähigkeiten und Umgang mit Kon­flikten. Die Gymnasiasten sind dagegen zu sehr aufs Studium fixiert.

 

Manfred Gößl — Ich sehe die Herausforderung in den leicht sinkenden Bewerberzahlen für die duale Ausbildung im Unternehmen. Dafür gibt es mehrere Gründe, aber der wichtigste liegt in den zahlreichen Übertritten aufs Gymnasium. In meinem Wohnort liegt die Übertrittsquote bei gefühlt 90 Prozent. Viele Eltern haben die Vorstellung, dass ihr Kind das Abitur machen muss, um gesellschaftlich anerkannt zu sein. Anschließend werden die Abiturienten ins Studium gedrängt, ohne sich zuvor über die Möglichkeiten der beruflichen Ausbildung ernsthaft zu informieren. Die Berufsorientierung ist an Gymnasien ein sehr zartes Pflänzchen. Manche Schulen haben ein Pflichtpraktikum eingeführt, aber eine systematische Berufsorientierung, etwa gleichwertig zur Studienberatung, findet nicht statt. Immerhin: Mittlerweile steigt der Anteil der Abiturienten, die ihren Berufsweg mit einer dualen Ausbildung starten, in den IHK-Berufen wieder an. In Bayern besetzen sie ­inzwischen jeden fünften Ausbildungsplatz in Industrie, Handel und Dienstleistungen.

 

Susanne Diefenthal — Speziell bei der Ausbildung in Pflegeberufen besteht die Herausforderung darin, das schlechte Image abzustreifen, wonach die Arbeit hart, die Arbeitszeiten ungünstig und der Verdienst schlecht ist. Denn das stimmt nicht. Ich kann in der Pflege teils mehr als 4000 Euro im Monat verdienen, trage eine große Verantwortung und kann mich beruflich ständig weiter entwickeln. Die Frage, vor der wir stehen, lautet: Wie kann man tradierte Berufe fördern? Das gilt für die duale Ausbildung noch mehr als für das duale Studium. Wir waren immer einer der größten Ausbilder und stellen fest, dass es weniger Schulabgänger gibt, weniger Bewerber und mehr Abbrecher. Dabei wird jeder von uns aufgrund der höheren Lebens­erwartung irgendwann auf Pflege angewiesen sein. Schon deshalb müssen Pflegeberufe attraktiv bleiben. Als Arbeitgeber bieten wir unseren Pflegekräften viele Perspektiven, Weiterentwicklung und wir entlasten sie von fachfremden Tätigkeiten. Wir bieten Zusatzleistungen und Wohnraum in München. Zugegebenermaßen: Zur Steigerung der ­gesellschaftlichen Anerkennung und der Wertschätzung sind alle gefragt. Daher ist die große Aufmerksamkeit für das Thema aktuell sehr wichtig.

 

Franz Xaver Peteranderl — Viele junge Leute wollen sowohl praktisch arbeiten als auch studieren. Das Handwerk braucht breit ausgebildeten Nachwuchs, der später die Betriebe weiterführt. Die Hälfte aller Familienunternehmen findet einen Nachfolger in der eigenen Familie, rund ein Viertel wird an qualifizierte Mitarbeiter übergeben. Ein Viertel sucht auf dem freien Markt, manchmal auch vergeblich. Bei den Fachkräften haben wir ebenfalls großen Bedarf: In den nächsten Jahren gehen mehr als 80 000 Mitarbeiter im bayerischen Handwerk alters­bedingt in Rente. Diese Lücke zu füllen, wird eine große Herausforderung. Daher muss die Politik den Renten­eintritt flexibel gestalten. Ich gönne jedem seinen verdienten Ruhestand, aber die Rente mit 63 hat das Hand­werk viele Fachkräfte gekostet. Ich kann zwar Eltern ver­stehen, die für ihr Kind das Abitur wollen, aber die duale Ausbildung ist immer noch die beste Grundlage für den Start ins Berufsleben. Später lässt sich immer noch ein Studium anschließen.

 

Ausbildung und Studium fordern Disziplin und Durchhaltevermögen. Was lässt sich tun, damit die Lernenden bis zum Ende durchhalten?

Manfred Gößl — Wer zuerst eine Lehre macht und dann studiert oder sich für ein Verbundstudium entscheidet, hat ein deutlich geringeres Risiko des Studienabbruchs. Jeder dritte Studierende bricht sein Studium final ab. In der ­dualen Ausbildung sind es lediglich acht Prozent.

 

Alexander Lendner — Wir sprechen von dualer Ausbildung und dualem Studium, dabei wird Dualität zu oft noch als Gegensatz von Lehre und Studium verstanden. Wir haben zwar eine hohe Durchlässigkeit zwischen den Schulzweigen, aber noch nicht zwischen Lehre und Studium. Und wir haben es zunehmend mit gebrochenen Ausbildungswegen zu tun, deshalb müssen wir die Studierfähigkeit der jungen Leute fördern. Die Berufe werden ja auch in der Verwaltung komplexer. Deshalb sollten Wege geöffnet werden, um von einem abgebrochenen Studium in die Ausbildung zu kommen, um dann später mit Weiterbildung durchstarten zu können.

 

Evelyn Ehrenberger — Zum Teil müssen wir uns als Gesellschaft insgesamt an die eigene Nase fassen und fragen, ob die jungen Menschen wirklich gut aufs Studium vorbereiten werden. Wir haben uns an der HDBW beispielsweise inzwischen dazu entschieden, jedem Studienanfänger vorbereitende Mathe- und Technologiekurse zu ermöglichen, um einen möglichst reibungslosen Einstieg zu gewähr­leisten. Für die Zukunft sollten wir neue Ideen und Modelle entwickeln, die Ausbildung und Studium noch weiter kombinieren lassen, um sowohl den Bedarf der Unternehmen als auch den der Bewerber zu berücksichtigen.

In Tausenden von Handwerksbetrieben steht in den kommenden Jahren ein Unternehmerwechsel an. Mit einer beruflichen Ausbildung und der Meisterprüfung ist der Nachwuchs gut dafür gerüstet. 

Was also ist zu tun?

Manfred Gößl — Ideal wäre ein ausbalanciertes Verhältnis von beruflich Qualifizierten und Akademikern, dem wir uns in der Praxis aber immer nur annähern können. Wenn die Knappheit bei Fachkräften stärker wächst als bei Akademikern, ist damit zu rechnen, dass in Zukunft in noch mehr Fällen das Lebenseinkommen einer Fachkraft das eines Akademikers übertreffen kann. Es hängt aber natürlich immer vom konkreten Beruf ab. Es gibt einen Handwerksmeister, der seinen Werdegang in Schulen vorstellt und den Schülern lachend berichtet, dass er einen neuen Mercedes fährt und sie mal schauen sollten, mit welchen Autos die Lehrer zur Schule kommen. So kann man den Jugendlichen auch nahebringen, dass man nach einer dualen Ausbildung teils schneller und besser verdient als mit einem Studium. Wer heute seinen Meister macht und sich fachlich im Job weiterbildet, ist ja womöglich auch gut geeignet, eines Tages die Nachfolge in der Geschäftsleitung eines mittelständischen Betriebes zu übernehmen. Gleiches gilt bei Polizei und Verwaltung, wo man nach einer Ausbildung viele Weiterbildungsmöglichkeiten hat. Ein Problem sehe ich mit steigendem Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund auf unser Schulsystem und auch die Ausbildung zukommen. Wir müssen eine gute ­Integration sicherstellen, so dass möglichst viele die Schule erfolgreich abschließen und danach eine Berufsaus­bildung starten. Sowohl bei den Schülern und auch deren Eltern muss die Ausbildung noch viel präsenter werden, da sie oft aus den ursprünglichen Herkunftsländern nicht bekannt ist. So können wir auch verhindern, dass fehlende Qualifizierung zu einer höheren Arbeitslosenquote und langfristigen sozialen Problemen führt.

 

„Die Kombination aus Lehre und Studium bringt ein gehöriges Wachstum an Kompetenzen mit sich.“

Jürgen Hollatz — Grundsätzlich: Wir müssen die Menschen in den Schulen und ihrer Lebenswirklichkeit abholen. Es gibt keine einheitliche Generation Y oder Z, sondern sehr unterschiedliche junge Leute. Manche scheuen die Berufsausbildung, weil sie fürchten, sich zu früh festzulegen, obwohl die Durchlässigkeit von Bildungswegen viele unterschiedliche Entwicklungen ermöglicht. Gerade weil die Zukunft oft als unsicher und komplex wahrgenommen wird, besteht die Herausforderung darin, dieser mit modernen und individualisiert passenden Lernformen und Arbeitswelten zu begegnen.

 

Susanne Diefenthal — Um wieder mehr Menschen für den Beruf zu begeistern und im Beruf zu halten, wird es wichtig sein, allen unseren Pflegekräften zu jedem Zeitpunkt das Richtige zu bieten und richtige Rahmenbedingungen für die vielfältigen Bedürfnisse zu schaffen, von der Wohnung, über flexible Arbeitszeitmodelle und Kinderbetreuung bis hin zu individueller Fortbildung. Denn wir haben Hochschulabsolventen, die ihren Abschluss vor 30 Jahren gemacht haben und solche, die frisch von der Uni kommen, wir haben Leute mit und ohne Migrationshintergrund, und wir haben Mütter und Väter. Jedes Unternehmen ist wie eine kleine Gesellschaft – viele kluge Lösungen bieten wir schon für die individuellen Bedürfnisse, andere müssen wir noch schaffen.

 

Franz Boos — Das ist auch notwendig, denn die Qualifikationsansprüche wachsen stetig. Heute steht statt eines Handwerkers ein halber Ingenieur vor der Heizung. Die Kombination aus Lehre und Studium bringt ein gehöriges Wachstum an Kompetenzen mit sich. Vor dem Hintergrund der höheren Anforderungen müssen zusätzliche Angebote in der Weiterbildung geschaffen werden. Wobei ich festhalten will, dass die akademische Weiterbildung auch eine Form des dualen Studiums ist, wenn die Lernorte Hochschule und Praxispartner miteinander verzahnt sind. Aber leider werden nicht alle Studierenden in der Weiterbildung – die oftmals keine klassische Hochschulzugangs­berechtigung, aber wertvolle Berufserfahrung haben – von ihren Unternehmen gefördert. Eine stärkere Unterstützung von Weiterbildungswilligen seitens der Betriebe wäre wünschenswert. Deshalb sind diese aufgerufen, hier noch mehr zu tun. 

 

Jacob Neuhauser

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