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Im dualen Studium ist das Langzeitpraktikum integriert – und manchmal gibt’s obendrein noch einen Ausbildungsabschluss

Drei Fliegen auf einen Streich

Foto: Fotolia

„Nach 13 Jahren Schule noch weitere drei bis vier Jahre Frontbeschallung? Weitere Jahre reine Theorie? Weitere Jahre nur mit Taschengeld? Will ich das wirklich?“ Nein, Kerstin Höhn wollte ein anspruchsvolles Studium und ­lebendige Berufspraxis und jeden Monat Geld auf dem ­Konto. Mit dem dualen Studium BWL, Schwerpunkt Dienst­leistungsmanagement, hat sie ihr Dreifachziel erreicht. Ganz schön stressig sei es gewesen, sagt sie, in der Vorlesungszeit von 8.15 Uhr bis 17.00 Uhr auf dem Campus in Heilbronn und nach der letzten Prüfung wieder ab ins Geschäft. Denn für die „Dualis“ fallen die Semesterferien flach. Da sind sie dann ganz Azubis.

 

Nebeneinander studieren und den Alltag im Unternehmen kennenlernen: Dafür ist das duale Studium in den 1970er Jahren erfunden worden. Seither sind die Studienangebote in die Höhe geschnellt, die Nachfrage der Abiturienten und die Zahl der kooperierenden Unter­nehmen von Jahr zu Jahr gestiegen. Ende 2016 waren rund 100 000 junge Leute in einem der etwa 1600 dualen Studiengänge eingeschrieben. Am stärksten nachgefragt ­waren die Wirtschaftswissenschaften mit fast 45 000 Studierenden, gefolgt von Ingenieurwesen und Informatik mit rund 38 000 sowie Sozialwesen / Erziehung / Gesundheit und Pflege, in denen etwa 11 000 Studierende erfasst sind. Dual studieren lassen sich mittlerweile auch Architektur, Design oder Nautik – und ständig kommen weitere Fachrichtungen dazu.­

„Die Dualis schließen im Schnitt deutlich besser ab
als die nicht firmen­ge­bundenen Studierenden.“ 

Bei drei von vier dualen Studiengängen ist eine Fachhochschule Teil des Dreiecksgeschäftes. Zweitstärkster Anbieter ist die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), gefolgt von hochschule dual in Bayern. Auch Berufsakademien, Privathochschulen und Universitäten bieten Bildung im Kombipack. „Bei uns studiert schon jeder Sechste dual“, freut sich Walter Schober, Präsident der Technischen Hochschule Ingolstadt. Die Dualis seien die besten Studenten, versichert der Professor: „Sie schließen im Schnitt deutlich besser ab als die nicht firmen­gebundenen Studierenden.“ In Ingolstadt kann man jeden Studiengang dual studieren. Besonders beliebt sei Luftfahrttechnik (zusammen mit Airbus Defense ­Space System), Flug- und Fahrzeuginformatik (mit Airbus und BMW), Inter­nationales Handelsmanagement (mit Media Saturn und Aldi Süd) und Fahrzeugtechnik (mit Audi als Kooperationspartner). „Unsere dualen Studierenden sind in den Fachbereichen aufgrund ihrer Leistungen, Erfahrung und des Engagements sehr gefragt“, bestätigt ­Antje Maas, die bei Audi das internationale Personalmarketing leitet.

 

Reizvoll sind neben der Vielfalt der Studienfächer die unterschiedlichen Studien- und Ausbildungsformen, mit denen begabte und fleißige Studierende ihren Weg in den Beruf abkürzen können. Es gibt drei Typen des ­dualen Studiums. Ausbildungsintegrierende duale Studien­gänge, in Bayern „Verbundstudium“ genannt, kombinieren in viereinhalb Jahren ein Hochschulstudium mit ­einer Ausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf. Praxis­integrierende duale Studiengänge, in Bayern sind das die „Studiengänge mit vertiefter Praxis“, verbinden das Studium mit längeren Praxisphasen im Unternehmen. Berufsintegrierende und / oder berufsbegleitende duale Studiengänge sind Studiengänge für die berufliche Weiterbildung und ähneln Fernstudiengängen. Das Studium wird neben einer Vollzeittätigkeit im Unternehmen absolviert.

„Nach einem halben Jahr können die schon gut
mit den Ingenieuren zusammen­arbeiten.“ 

Gut 48 000 Arbeitgeber bieten das duale Studium an, Konzerne, mittelständische Unternehmen und Be­triebe mit gerade ein paar Dutzend Mitarbeitern. Seit 2010 mit von der Partie ist der Münchner Elektronikkonzern Rohde & Schwarz. Der mit dem Verbundstudium erreichte Doppelabschluss setze Fleiß und eine schnelle Auffassungsgabe voraus, sagt Matthias Ortmaier. Er betreut rund 50 dual Studierende, etwa jede fünfte ist eine Frau, und erzählt, was die Berufsanfänger im ersten Jahr im Ausbildungszentrum und in den Entwicklungsabtei­lungen schon alles leisten: „Sie unterstützen unsere Ingenieure bei Tests, schauen den Entwicklern über die Schulter und übernehmen auch schon eigene Aufgaben.“ Ortmaier ist voll des Lobes über die anstelligen Studenten: „Nach einem halben Jahr können die schon gut mit den Ingenieuren zusammenarbeiten.“ Die anschließende Studienzeit von dreieinhalb Jahren verbringen die Studierenden teils an der Hochschule München, teils im Betrieb. Das Stu­dium mit vertiefter Praxis ist ein Jahr kürzer. Während der gesamten Ausbildungszeit bekommen die dual Studierenden eine Vergütung. Von der man leben könne, versichert Matthias Ortmaier, sogar in München.

„Die wissen genau, was sie wollen. Wenn man ihnen Perspektiven gibt, dann sind sie mit Feuer dabei.“ 

Das duale Studium hat Vorteile für alle. Den Studenten bleibt der Praxisschock erspart, die Unternehmen bekommen früh den Zugang zu Talenten, und die Hochschulen finanzieren einen Teil ihrer Kosten für die Lehre mit Beiträgen der Partnerbetriebe. Die Studierenden bekommen in der Regel ein Entgelt in Höhe der Ausbildungsvergütung – auch in den Vorlesungszeiten, wenn sie sich zuweilen wochenlang nicht im Betrieb sehen lassen. Nicht immer sitzt die Hochschule direkt am Ort.

 

Im oberpfälzischen Parkstein plant und fertigt das Logistikunternehmen Witron Lagersysteme für Kunden in aller Welt. Unter den rund 1500 Mitarbeitern in Deutschland sind elf Dualis. „Die meisten studieren Elektro- und Informationstechnik oder Informatik“, berichtet Personalleiter Theo Zeitler. „Industrie 4.0 ist bei uns Tagesgeschäft.“ Seit 1999 stellt Witron jedes Jahr neue dual Studierende ein, erst war es nur einer, dann zwei, und jetzt sind es jedes Jahr mehr als eine Handvoll. „Die Zahl der Bewerber ist begrenzt, und wir suchen nur regional“, sagt Zeitler. „Trotzdem wählen wir sehr sorg­fältig aus. Junge Leute, die wissen, was sie wollen und die sich dafür mit aller Kraft einsetzen – die wollen wir und die finden wir auch.“ Das Verbundstudium ist eine anspruchsvolle Ausbildung. Wer bei Witron eine Ausbildung absolviert hat, kann im Modell „vertiefte Praxis“ dual ­seinen Bachelor machen. Und wenn später jemand ein duales Masterstudium draufsatteln möchte? Auch 

darüber lässt sich reden.

 

Die meisten Dualis lernen wie Kerstin Höhn auf den Bachelorabschluss hin. Wobei der Master auch ­immer mehr Freunde gewinnt. „Vier von fünf machen weiter“, sagt Matthias Ortmaier von Rohde & Schwarz. Zum Beispiel in der Hochfrequenztechnik, ein wichtiges Geschäftsfeld für das Münchner Unternehmen. „Da gibt es im Bachelorstudium nur Überblickswissen“, erklärt Ortmaier. „Erst im Masterstudium lernen sie die Feinheiten.“ Beim anderthalb- bis zweijährigen Masterprogramm ­haben die Studierenden die Wahl zwischen der Hochschule und der Technischen Universität München. Wie zuvor arbeiten sie in den Semesterferien im Betrieb, in den Vor­lesungszeiten etwa einen Tag je Woche. Ortmaier findet das gut: „Damit bleiben sie dem Betrieb verbunden, und wir verlieren sie nie aus dem Blick.“

 

Manche Dualis schultern schon ordentlich Verantwortung. Michael Richthammer, Versicherungs­makler in Weiden mit 35 Angestellten, beschäftigt momentan zwei dual Studierende. Der Ältere macht im nächsten März den Bachelor, fährt einen Dienstwagen und verant­wortet die IT. Richthammer ist von beiden begeistert: „Die ­wissen genau, was sie wollen. Wenn man ihnen Perspektiven gibt, dann sind sie mit Feuer dabei.“ Das sehen die Studenten wohl genauso. Der ältere hat bereits angekündigt, in der Firma bleiben und den dualen Master anhängen zu wollen.

 

Karen Engelhard

Damit sich der Topf zum Deckel findet

Der Ball liegt bei der Wirtschaft: Wer ein duales Studium anbieten will, muss auf die Hochschule zugehen

 

Bei vielen Hochschulen und Universitäten gehört die Ansprache von Unternehmen in der Region ebenso zum Marketing wie die Werbung um Studierende in Bussen und Bahnen: Wollen Sie nicht mit uns zusammen ein duales Studium anbieten? Mancher Unternehmer wird erst so auf den cleveren Weg der Nachwuchsgewinnung aufmerksam. „In der Regel läuft es aber umgekehrt“, sagt Florian Krüger von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW). „Die Betriebe kommen auf uns zu, wenn sie Ausbildungspartner werden wollen.“ Rund 9000 deutsche Unternehmen, zumeist Mittelständler, zumeist in Baden-Württemberg, gehören zum Partnernetzwerk des Pioniers dieser Ausbildungsform, der mit rund 34 000 jungen Menschen fast ein Drittel aller dual Studierenden in Deutschland betreut. Das Pendant in Bayern heißt hochschule dual, und auch in Rheinland-Pfalz, Hessen und Brandenburg gibt es Agenturen, die Betriebe, Unternehmen und Berufsschulen an einen Tisch bringen. Sie verstehen sich als Anlaufstelle für inte­ressierte Betriebe und vermitteln zwischen den beteiligten Partnern.

 

Unternehmen können sich auch direkt an Hochschulen in ihrer Region wenden, die einen oder mehrere zur Geschäftstätigkeit passende Studiengänge anbieten. Umsatz und Firmengröße spielen keine Rolle. Doch die Ausbildungsstandards müssen eingehalten werden. Das bedeutet, dass die Studierenden fachkundig im Betrieb ausgebildet werden müssen – manche Agenturen und Hochschulen bestehen auf einem akademisch geschulten Ausbildungsleiter. Und ihnen muss ausreichend Zeit für das Studium eingeräumt werden. Nach sorgfältiger Prüfung der Ausbildungseignung des Unternehmens entscheiden die Hochschulen, ob sie mit einem Betrieb kooperieren wollen. Manchmal werden Vereinbarungen über das duale Studium geschlossen, in ­denen die ­Rechte und Pflichten der Partner beschrieben sind. Die beiden anderen Seiten des Dreiecks sind der Ausbildungsvertrag zwischen Betrieb und Studierenden ­sowie die Zulassung zum Hochschulstudium, um die sich die Studienwilligen selbst bewerben. Einen Automatismus etwa in der Art, dass ein dualer Ausbildungsplatz im Unternehmen einen Studienplatz garantiert oder umgekehrt, gibt es nicht. Jeder Partner entscheidet für sich. Doch nachdem alle drei „Ich will“ gesagt ­haben, sind die ­nächsten drei bis viereinhalb Jahre gut organisiert. Vor Beginn des dualen Studiums bekommen alle Beteiligten einen Zeitplan mit den Vorlesungs- und Betriebs­praxiszeiten. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass kein Studierender durchs Raster fällt. Und dass das Ziel des dualen Studiums erreicht wird: „Vor allem die Fachkräfte­gewinnung und -sicherung für Mittelständler im ländlichen Raum“, sagt Florian Krüger. „Um den War for Talent für sich zu entscheiden.“

 

Karen Engelhard

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