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Der Grund dafür, dass viele Länder mit dem deutschen Ausbildungssystem liebäugeln, liegt auf der Hand: Es funktioniert

Die duale Berufsausbildung ist Weltspitze

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Es gibt nicht viele Dinge, von denen Donald Trump und Barack Obama gleichermaßen angetan sind. Deutschland habe das System der beruflichen Bildung gut umgesetzt, lobte der US-Präsident anlässlich des Frühjahrsbesuchs der Bundeskanzlerin in Washington. Ausgerechnet das Land, dessen Autos er am liebsten aus dem amerikanische Straßenbild verbannen würde. Ob sich Trump bewusst war, dass Zehntausende von Jugendlichen Tag für Tag an Autos „Made in Germany“ schrauben, fräsen, programmieren und sich damit den Weg in einen hochattraktiven Beruf ebnen? Kaum. Eher dürfte er an die Stärke des Wirtschaftsstandorts Deutschlands gedacht haben, die zu einem Gutteil auf die traditionelle Fachkräfteausbildung zurückzuführen ist. Es ist kein Deal im Trump’schen Sinne, kennt das Modell doch nur Gewinner: Die Unternehmen bilden mit Blick auf die Märkte aus, und der Nachwuchs hat teil an ihrem Erfolg. In keinem EU-Land ist die Jugendarbeitslosigkeit so gering wie in Deutschland.

 

Groß ist hingegen die Auswahl. 326 unterschiedliche Ausbildungsberufe können dual, also abwechselnd im Betrieb und in der Berufsschule erlernt werden – von A wie Anlagenmechaniker bis Z wie Zahntechniker. 2017 hat sich mehr als jeder zweite Schulabgänger für diese Art des Einstiegs in die Arbeitswelt entschieden. Zusammen mit den 515 679 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen standen im vergangenen Jahr mehr als 1,3 Millionen junge Menschen in einem dualen Ausbildungsverhältnis.

 

Mindestens zwei, höchstens dreieinhalb ­Jahre verbringen die zukünftigen Fachkräfte wechselweise am Arbeitsplatz, wo sie unter fachkundiger Anleitung angelernt werden, und in der Berufsschule, wo die Praxis mit dem dazu gehörenden theoretischem Wissen untermauert wird. Was genau wann und wo unterrichtet wird, ist in den Ausbildungsordnungen festgelegt, ein Gemeinschaftswerk von Bund, Ländern, Arbeitgebern, Gewerkschaften und der Berufsbildungsforschung. Das gewährleistet bundesweit einheitliche Standards. Die Auszubildenden können sich darauf verlassen, dass sie in all dem unterwiesen werden, was eine Fachkraft in ihrem Beruf auszeichnet. „Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass gerade die kleineren Betriebe es auf besondere Weise ver­stehen, Talente und Fähigkeiten von Menschen mit Herzblut und viel Engagement zu fördern“, versichert Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, die gleich zwei duale Berufsausbildungen absolviert hat. Der Vorteil für die Betriebe erklärt sich von selbst: Sie sichern ihren künftigen Personal­bedarf. Wer dual ausgebildete Mitarbeiter einstellt, weiß genau, welche Kenntnisse und Fähigkeiten er erwarten kann.

 

In einer idealen Welt finden alle ausbildungswilligen Schulabgänger genau die Lehrstelle, von denen er und sie schon im Sandkasten geträumt haben. In der Wirklichkeit gibt es ein zunehmendes Passungsproblem. Zwar liegt die Gesamtzahl der zu besetzenden Ausbildungsplätze, jährlich mehr als eine halbe Million, fast gleichauf mit der Zahl der ausbildungswilligen Schulabgänger. Rein rechnerisch findet jede und jeder einen Ausbildungsplatz. Richtet man den Blick jedoch auf einzelne Regionen und Branchen, so zeigen sich große Abweichungen zwischen Angebot und Nachfrage. Während sich in begehrten ­Berufen und bei großen, namhaften Unternehmen die Bewerber ballen, haben es kleine und ländliche Betriebe schwer, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Allzu sehr sind die Jugendlichen auf Trendberufe fixiert wie Kauffrau für Büromanagement, bei den Mädchen seit Jahren der Spitzenreiter bei den Wunschberufen, und Kraftfahrtzeugmechatroniker bei den Jungen. Körperlich anstrengende Berufe wie Maurer oder Restaurantkauffrau sind hingegen nicht sonderlich beliebt. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2017 wird empfohlen, die Mobilität von Bewerbern zu unterstützen, ­ihnen zum Beispiel bei der Wohnungsbeschaffung behilflich zu sein. Auch die Schulen könnten die Präferenzen in Bewegung bringen, meinen die Studienautoren: „In ­einer intensiven beruflichen Orientierung können Schüler für ­einen Beruf begeistert werden, der zwar nicht genau der Wunschberuf ist, aber vielleicht bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz bietet.“

Die Auszubil­denden werden in allem unter­wiesen,
was eine Fachkraft auszeichnet – und die Betriebe gewinnen
und behalten sie

Die Hauptlast der dualen Berufsausbildung schultern kleine und mittelständische Unternehmen. Ihr Anteil an der betrieblichen Ausbildung liegt bei rund 70 Prozent. Ob beim Bäcker um die Ecke, im Friseursalon nebenan oder in der Halle des Zerspanungsbetriebs im Industriegebiet: Überall trifft man auf ­Jugendliche in Ausbildung. Wo Kundschaft ein- und ausgeht, macht oft ein Namensschild mit dem Zusatz „Auszubildende/r“ darauf aufmerksam, dass man zwar guten Willen, aber noch keine Perfektion erwarten sollte. Am Arbeitsplatz üben Schulabgänger erst all das ein, was sie für den ­Beruf können und wissen müssen. Parallel dazu lernen sie in der Berufsschule Mathematik, Deutsch, Wirtschaftslehre und die theoretischen Grundlagen ihres Berufs. Eine Prüfung vor der Handwerks- oder Handelskammer schließt die Ausbildung ab. Rund zwei Drittel der Absolventen werden anschließend von ­ihren Ausbildungsbetrieben in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen.

 

Der Luftfahrtzulieferer Leuka nahe Friedrichshafen ist ein Musterbeispiel für den Erfolg der dualen Ausbildung. Von den 132 Mitarbeitern des Familienunternehmens sind momentan 19 Auszubildende, die meisten mit dem Berufsziel Industriemechaniker. Vom ersten Tag an sind sie in die betrieblichen Abläufe integriert und arbeiten von Monat zu Monat intensiver in der Komponentenfertigung mit. In der hauseigenen Lehrwerkstatt lernen sie neben anderem, Bauteile hochpräzise auf ein µ genau zu zerspanen. Fast alle werden nach Abschluss der Ausbildung übernommen. Allerdings wünscht sich Geschäftsführerin Aurelia Brachmann von den zuständigen Industrie- und Handelskammern mehr Unterstützung. „Einige Jugendliche brauchen ­viele Wiederholungen, um sich die Prozesse dauerhaft einzuprägen“, beschreibt sie die Herausforderung. Ihr Lösungsvorschlag: „Dafür wären kleine, didaktisch gut konzipierte Filme sinnvoll. Die kennen sie schließlich alle von YouTube.“

Der Beschäftigungsgrad von Hochschulabsolventen und dual Ausgebildeten ist nahezu gleich

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Das rückt die Kehrseite der dualen Berufsausbildung in den Blick: Berufsbilder, Lehrmittel und Lerninhalte werden nur zögerlich an neue Entwicklungen angepasst. Innovative Techniken wie zum Beispiel Augmented und Virtual Reality-Anwendungen finden erst dann den Weg in die Lehre, wenn sie zum Standard einer Branche gehören. Nicht nur Günter Hirth, ­Leiter Berufsbildung bei der IHK Hannover, meint, daran ­müsse man arbeiten: „Die Modernisierung der dualen Ausbildung ist in vielen Bereichen notwendig, um die zunehmende Digitalisierung betrieblicher Abläufe in die Ausbildung praxisorientiert zu integrieren.“

 

Dennoch sind die in Betrieb und Schule ausgebildeten Fachkräfte begehrt. Laut dem aktuellen Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben 83 Prozent der 25- bis 34-jährigen Deutschen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung einen festen Arbeitsplatz. Bei gleichaltrigen Akademikern sind es mit 87 Prozent nicht wesent­lich mehr. In vielen Wirtschaftszweigen sind Kaufleute und Facharbeiter mittlerweile stärker gesucht als Hochschulabsolventen. Das gilt vor allem für Mechaniker und Techniker aller Art, aber auch für Restaurantfachleute, Bäcker und Hörgeräteakustiker. „Die ‚Karriere mit Lehre‘ ist kein B-Fahrplan zum Erfolg im Beruf“, versichert Wolfgang Grenke, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammer­tages. Die duale Aus- und Weiterbildung schütze ebenso gut vor Arbeitslosigkeit wie ein Studium.

 

Lange Zeit hat die OECD mit dem deutschen Ausbildungssystem gefremdelt. Ziel und Maßstab in ihren jährlichen Bildungsberichten war bis vor wenigen Jahren ein möglichst hoher Akademisierungsgrad in der Bevölkerung. Seit 2013 hat der Wind gedreht. Nun würdigt die OECD die duale Ausbildung als „wichtigen Bestandteil der Fachkräftequalifizierung“. In Bundesministerium für Bildung wird das gern gehört. „Wir arbeiten entschlossen daran, die Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Bildung zu erreichen“, bekräftigt Ressortchefin Anja Karliczek. Eine abgeschlossene Berufsausbildung öffnet das Tor zu einer ganzen Reihe von Aufbauqualifikationen – von der Ausbildereignungsprüfung über den Techniker, Fachwirt und Meister bis hin zu Bachelor, Master und der Promotion. „Die digitalen Medien und die allerorten präsente Hardware ermöglichen Weiterbildung inzwischen orts- und zeitunabhängig“, stellt Michael Härtel vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) heraus. Angesichts des regen Weiterbildungsinteresses bei den Arbeitnehmern scheint die Botschaft angekommen: Wer sich beruflich auf dem Laufenden hält und bereit ist, Neues zu lernen, sichert und steigert seine Beschäftigungschancen.

Eine abgeschlos­sene Berufs­ausbildung öffnet das Tor
zu vielen Aufbau­qualifikationen – vom Techniker bis
zum Bachelor und Master

Neben Autos „Made in Germany“ ist die ­duale Fachkräfteausbildung ein Exportschlager. Die Treiber sind oft die Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen, die sich auch in ihren Ländern Fachkräfte in gewohnter Qualität wünschen. Da hilft es nur, vom weltweit üblichen Training on the Job radikal auf das deutsche System umzustellen. Eine wichtige Rolle hierbei spielen die Auslandshandelskammern. „Wir sind bemüht, die Vorteile der dualen Berufsbildung auch im Ausland insbesondere deutschen Unternehmen zuteil­werden zu lassen“, erklärt Steffen Bayer vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Zum Beispiel in der Region Charleston im Südosten der USA, wo Unternehmen wie Daimler, Bosch, BMW und Evonik große Werke haben. Sie wurden vom Arbeitsministerium in Washington zur „nationalen Modellregion für die Weiterentwicklung der Berufsausbildung“ erklärt. Rund 1000 Unternehmen aus der Region beteiligen sich an dem Projekt – und heimsten dafür Lob von höchster Stelle ein. In seiner Rede zur Lage der Nation erhob ­Barack Obama 2013 das deutsche Ausbildungssystem zum Vorbild: „Diese deutschen Kids sind bereit für den Job, wenn sie die Schule abschließen. Sie wurden für die Jobs ausgebildet, die es gibt.“ 

 

Marie Kramer

Betriebliche + schulische Ausbildung =
geringe Jugendarbeits­losigkeit

Obwohl der Trend seit vergangenem Jahr nach unten weist, ist aktuell etwa ein Sechstel aller jungen Männer und Frauen zwischen 15 und 24 Jahren in Europa arbeitslos (16,6 Prozent). Die Jugendarbeitslosenquote drückt die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Anteil der Erwerbspersonen der gleichen Altersklasse aus. Traurige Spitzenreiter sind Griechenland und Spanien mit einer Jugend­arbeitslosigkeit von 39,7 beziehungsweise 33,4 Prozent. Sicher liegt es zum Teil an der schlechten Wirtschaftslage, aber auch das boomende Portugal liegt über dem Durchschnitt.

In Deutschland hingegen ist nur etwa jeder 17. junge Mensch ohne Beschäftigung, die Jugendarbeitslosenquote von 6,1 Prozent bildet das Schlusslicht der nebenstehenden Tabelle. Die Übereinstimmung der Zahlen ist bestimmt kein Zufall: Ebenfalls etwa jeder 17. Jugendliche in Deutschland erreicht keinen Schulabschluss. Das geht aus dem „Chancenspiegel 2017“ der Bertelsmann-Stiftung hervor. Betroffen davon sind vor allem Jugendliche mit ausländischem Pass oder Migrationshintergrund. Für diese Schüler ist das Risiko, ohne Hauptschulabschluss die Schule zu verlassen, mehr als doppelt so hoch wie für deutsche Mitschüler.

Quelle: Statista

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