Verlagsangebot/Anzeige

Alexander Rabe, Geschäftsführer von eco – Verband der Internet¬wirtschaft e. V., über die Vielzahl an Ausbildungsberufen, die Fehlverteilungen bei Angebot und Nachfrage in der dualen Ausbildung sowie die Herausforderungen durch die Digitalisierung.

Die Lehrpläne sollten häufiger angepasst werden

Alexander Rabe, Geschäftsführer von eco — Verband der Internetwirtschaft e.V.  Foto: Eco

In Deutschland gibt es 326 Ausbildungsberufe. Ist diese starke Spezialisierung bereits in jungen Jahren in der dualen Ausbildung noch zeitgemäß?

Rabe — Der Zeitpunkt, zu dem sich Jugendliche und ­junge Erwachsene entscheiden, ob sie in der Gastronomie, im Elektrohandel oder als Mechatroniker arbeiten wollen, hat sich aus meiner Sicht bewährt. Die Auswahlmöglichkeit an Berufen ist eher ein Vorteil, der auch in anderen Ländern so gesehen wird. Dennoch: Die Zahl der Lehrberufe hat sich bereits in den letzten Jahrzehnten deutlich reduziert. Ich plädiere daher eher dafür, dass die Qualität der Lehrpläne in der dualen Ausbildung bei uns auf den Stand einer Wirtschaft 4.0 angepasst wird. Die Quantität der Ausbildungsberufe ist weniger wichtig als ein digitaler Standard, der über alle Berufe hinweg erreicht wird. Insgesamt halte ich das duale Ausbildungssystem nach wie vor für ein starkes System.

Gibt es keine Risiken?

Rabe — Eine Gefahr sehe ich darin, dass wir zu sehr im ­Silodenken verhaftet bleiben, anstatt das Ausbildungssystem für die Digitalisierung als wichtige Querschnitts­technologie zu öffnen. Denn wenn die Betriebe irgendwann einmal feststellen, dass den Absolventen wichtige Kompetenzen und Fähigkeiten im Umgang mit den IT-Systemen abgehen, die heute und in Zukunft noch viel mehr eingesetzt werden, dann könnte die Akzeptanz der dualen Ausbildung schwinden.

 

Die Digitalisierung ist ein wichtiger Aspekt, ein grö­ßeres Problem ist jedoch, dass es in manchen Ausbildungsberufen zu viele, in anderen deutlich zu wenig Bewerber gibt. Was könnte man dagegen tun?

Rabe — Das kann man sehr gut am Beispiel des Ausbildungsberufs zum Fachinformatiker erläutern. Das ist ein dualer Ausbildungsberuf, der wirklich Perspektive hat, denn schon heute werden händeringend Fachkräfte ­gesucht. Es gibt rund 50 000 offene Stellen, und die Vergütung ist relativ hoch, das heißt es müsste genügend Bewerber geben. Wenn man sich jedoch anschaut, was in der Ausbildung vermittelt wird, dann erkennt man, dass der Rahmenlehrplan für diesen Ausbildungsberuf Mitte der 1990er Jahren konzipiert wurde und nicht einmal das Wort Internet enthält. Er vermittelt auch nicht, dass man mit dieser Ausbildung in zahlreichen anderen Branchen gefragt ist und auch im sozialen Bereich viel bewirken kann. Dadurch verschenken wir enorm viel Poten­zial und haben den Bewerbermangel, da viele Mädchen und junge Frauen die spannenden Anwendungsfälle gar nicht vermittelt ­bekommen und sich so gar nicht erst für eine solche Ausbildung interessieren, obwohl es für sie in Frage käme.

 

Werden Ausbildungsberufe also nicht mehr zeit­gemäß genug vermittelt?

Rabe — Ich bin mir sicher, dass der Bewerbermangel auch in einigen anderen Berufen vor allem ein Imageproblem ist, weil die jungen Menschen keine Vorstellung ­davon ­haben, wie der Beruf später aussieht. Auch hier ­könnte mehr Digitalkompetenz helfen, weil sie die Attraktivität von Berufen näher bringt, die den Digital Natives ­sofort verständlich ist. Wenn sich die Jugendlichen in den Berufen besser wiederfinden, dann werden viele einzelne Lehrberufe wieder attraktiver. Viele junge Leute haben über interaktive Prozesse die Erfahrung gemacht, dass sie etwas gestalten können, aber es fehlt ihnen oft die Verbindung zu konkreten Berufen. Hier liegt also das Potenzial, um den ­Jugendlichen zu zeigen, dass manche Lehrberufe auch aufgrund der Digitalisierung viel interessanter sind, als es für sie zunächst den Anschein hat.

 

Wann sollten Medienkompetenz und IT-Grund­kenntnisse vermittelt werden?

Rabe — Damit sollte spätestens am Ende der Schulzeit ­begonnen werden. Wenn ich mir ein Ausbildungssystem wünschen dürfte, dann wäre es so gestaltet, dass schon von Kindesbeinen an Lust auf die neuen Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, geschaffen wird. Die Aus­gestaltung sollte weiterhin Ländersache sein, etwa ob es fächerübergreifend oder in einem speziellen Fach gelehrt wird, aber zumindest die Ziele sollten klar sein: Die gängigen Systeme und Anwendungen sollten präsentiert werden, eventuell auch eine Programmiersprache enthalten sein, allgemeine Medien­kompetenz vermittelt, der Nutzen und das Funktionieren von Big Data Analysen erläutert und über die Be­deutung von Datenschutz und Datensicherheit informiert ­werden. So könnte man mehr junge Menschen für die IT-Wirtschaft ­begeistern, denn dort fehlen uns doch die Leute. Das funktioniert aber nur über konkrete Anwendungen und den Nutzen, den sie für die Menschen schaffen. Das Problem mit dem Gender Gap ließe sich deutlich verringern, wenn den Mädchen und jungen Frauen vermittelt würde, dass sie über IT-Lösungen auch im Sozialwesen, im Umweltschutz, dem Energiemanagement der Zukunft und ­anderem aktiv Dinge gestalten und verbessern können, die zudem konkret erfahrbar sind und einen Nutzen für den Menschen und die Gesellschaft stiften.

„Teile der dualen Ausbildung oder auch Berufserfahrung sollten später im Studium angerechnet werden.“

Welche Rolle kann eco, der Verband der Internet­wirtschaft, bei der Verbesserung der dualen Aus­bildung spielen?

Rabe — Wir haben uns konkret für die Überarbeitung der Lehrpläne für IT-Fachkräfte eingesetzt. In vielen Aus­bildungsberufen muss man das Rad ja nicht neu erfinden, ­sondern könnte sich an den Kompetenzen und Standards orientieren, die beispielsweise im Rahmen des Europäischen Computerführerscheins ECDL definiert wurden. Der wiederum korrespondiert auch mit dem European Competence Framework, das die Punktevergabe für die Durchlässigkeit von der dualen Ausbildung hin zum Studium regelt. Das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, dass Teile der dualen Ausbildung oder auch Berufserfahrung später im Studium angerechnet werden. Dafür sind Standards wie der ECDL sehr wichtig. Wir bieten mit unserem Cebra-Modul, das steht für Counselor for E-Business Related Assignments, beruflichen Schulen und anderen Bildungsträgern ein für das Lernen im schulischen Rahmen geeignetes Angebot, mit dem zertifiziertes Wissen rund ums E-Business erworben werden kann. Wir haben auch eine eco-Akademie, die sich aber mehr an Berufstätige richtet.

 

Jacob Neuhauser

Mathe: Mangelhaft.

Deutsch: Gerade eben.

Zuverlässigkeit: Aber Hallo!

Hauptschüler und –schülerinnen müssen oft lange nach einem Ausbildungsplatz suchen. Im direkten Anlauf schafft das nur jeder zweite Schulabgänger. Dabei sagen die Noten nichts über die individuellen Stärken aus. Wissenschaftler können das beweisen.

        

In jedem dritten Betrieb bleiben Ausbildungsplätze leer. Dennoch finden Hauptschüler und -schülerinnen, zumal Schulabgänger ohne Abschluss, keine Lehrstelle. Die Hellsichtigen und die gut Beratenen gehen weiter zur Schule. Doch Jahr für Jahr stehen Zehntausende ohne Perspektive da. Trotzig, verzweifelt, manche auch völlig ungerührt suchen sie sich einen Helferjob oder ergeben sich in ihr Schicksal – tatenlos oder auch nicht. Schwer zu sagen, was besser ist.

 

Die Ursachenforschung spiegelt die Interessenslagen wider. Während Eltern, Schüler und zum Teil auch Lehrer die Anforderungen der Arbeitgeber für überzogen halten, argumentieren die Unternehmen mit der mangelnden Ausbildungsreife der jugendlichen Schulabgänger. 91 Prozent der 2017 vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zum Stand der Berufsausbildung befragten Betriebe sind weder mit den schulischen Kenntnissen noch mit der Berufswahlreife der Bewerber zufrieden. Die fehlende Ausbildungsreife verschärft sich laut der DIHK-Studie sogar: „Die Zufriedenheit der Ausbildungsbetriebe mit den Deutsch- und Mathematik­fähigkeiten der Schulabgänger wie auch mit grundlegenden sozialen Kompetenzen zeigt eine deutlich abnehmende Tendenz.“ Die Ursachen für die Übergangsprobleme in eine Ausbildung werden vor allem bei dem Jugendlichen gesehen – und nicht im gegliederten deutschen Schulsystem, in der Lage auf dem Ausbildungsmarkt oder in den betrieblichen Auswahlprozessen.

 

Dagegen führen Forscher am Wissenschafts­zentrum Berlin (WZB) jetzt schwere Geschütze an. Unter der Leitung von Professor Heike Solga, Direktorin der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt, hat ein Forscherteam untersucht, unter welchen Bedingungen es Jugendlichen mit höchstens einem Hauptschulabschluss gelingt, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Die Ausgangsfrage lautete: „Verhindern die geringeren Bildungsabschlüsse, dass sozial kompetente, gewissenhafte und selbstbewusste Bewerber mit höheren Mathematik- und Lesekompetenzen innerhalb einer Gruppe, die pauschal als ‚leistungsschwach‘ gilt, überhaupt von den Betrieben entdeckt werden?“

 

Die Auswertung der Daten von Schülerinnen und Schülern einer 9. Klasse, die seit dem Jahr 2010 wiederholt getestet und befragt wurden, führte Erstaunliches ­zutage. Die Verteilung der Deutsch- und Mathematikkenntnisse, der Fähigkeit zum schlussfolgernden ­Denken sowie der sozialen Kompetenzen von Hauptschülern deckt sich stark mit der von Schülern mit mittleren Bildungsabschlüssen. Dieselben Kompetenzwerte und Persönlichkeitsausprägungen finden sich also sowohl bei Haupt- als auch bei Realschülern. „Letztere haben allerdings deutlich weniger Probleme, einen Ausbildungsplatz zu finden“. schreiben die Autorinnen und schließen ­daraus, dass Arbeitgeber mit zweierlei Maß messen: Hauptschulabsolventen gelten per se nicht als ausbildungsreif, Realschüler hingegen durchaus. Heike Solga: „Das bedeutet, dass vor allem ein höherer Schulabschluss die Chancen erhöht, eine Ausbildung zu beginnen. Eine höhere ‚Ausbildungsreife‘, also bessere individuelle Kompetenzen oder Persönlichkeitsmerkmale, verbessern die Chancen auf einen Ausbildungsplatz hingegen nicht.“

 

Den Betrieben empfehlen die Wissenschaftlerinnen, bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen die Auswahlverfahren und -kriterien zu ändern. Statt auf die Noten solle man eher auf die Stärken und Entwicklungspotenziale der Bewerber achten. Dabei helfen könnten Tests, wie sie beispielsweise von den Industrie- und Handelskammern und Berufsschulen angeboten werden. In der Schweiz ist es üblich, Schulabgänger aufzufordern, einen solchen Test zu machen und das Ergebnis der Bewerbung beizufügen – eine Win-Win-Lösung gegen Frustration auf beiden Seiten. 

 

Karen Engelhard

Anzeige

Anzeige